Die Heiligkeit der Welt

Buddhisten, die den Vajrayana praktizieren, bewegen sich durch eine dynamische Welt reiner Sinnlichkeit, klare Weite, die erfüllt ist von fließenden, Muster bildenden Energien. Die Welt, das ist das Spiel der fünf Elemente. Gemeint sind die Elemente Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde. In dieser Reihenfolge aufgezählt wird ein Schöpfungsprozess zum Ausdruck gebracht, in entgegen gesetzter Richtung aufgezählt bedeutet es Auflösung. Das Zusammenspiel und die Verflochtenheit der Elemente wird in der tibetischen Tradition als Mandala dargestellt. Der tibetische Ausdruck dafür lautet kyilkhor, das bedeutet Kreis, das Rotierende, die Rotation der Essenz, die zentrale Energie, das essenzielle Zentrum. Die grafische Darstellung eines Mandalas ist sehr einfach, nämlich ein Zentrum und vier Richtungen. Ohne ein Zentrum gibt es auch keine Richtungen, denn Richtungen lassen sich nur von einem zentralen Bezugspunkt aus definieren, daher bildet der Raum das zentrale Element. Raum ist identisch mit dem philosophischen Konzept der Leerheit. Raum und Leerheit bilden die Grundlage der Bewegung, d.h. die Bewegung kommt aus dem Raum.

Was aber bedeutet „Energie“ in diesem Zusammenhang? Energie ist Bewegung. Alle Phänomene sind in steter Bewegung. Die Bewegung als solche wird als Wind bezeichnet, der damit das Hauptelement nach dem Raum darstellt. Der Wind kann in zwei Hauptaspekte unterteilt werden: Er weht als äußeres Element, während er im Geist als Bewegung von Gedanken und Emotionen erscheint. Geht man sehr gründlich in die Tiefe, so finden sich weit mehr Details und viele verschiedene Arten von Bewegung: Unser Herz schlägt, unsere Lunge atmet, unser Verdauungssystem, das Nervensystem, der Blutkreislauf, die Muskeln etc., all diese Systeme unseres Lebens beruhen auf Bewegung. Geht man dann noch eine Ebene tiefer, so findet man z.B. in den Verdauungsorganen Mikroorganismen und Abermillionen von Zellen, die sich unaufhörlich bewegen. Die Grundlage des Gleichgewichts bildet die wiederkehrende Bewegung. Hört die Bewegung auf, so ist das der Tod. Nimmt man eine Körperzelle und dringt in ihr Inneres vor, so finden sich weitere, noch feinere Strukturen, Mineralien, Proteine etc. Geht man noch tiefer, so findet man Moleküle und dann Atome. Gehen wir sogar noch weiter in die Tiefe, so sehen wir Energie, von der niemand genau weiß, um was es sich handelt. Diese Energien sind Bewegung, sie sind wie eine Vibration. Das ist es, woraus Atome und Moleküle hervorgehen und schließlich die ganze von uns erlebte Welt mit ihren vermeintlich festen Erscheinungen. Doch obgleich sie fest erscheinen, sind sie doch ihrer inneren Natur nach nichts Festes, sondern vibrierende, sich bewegende Energie. Diese Bewegung wird in der tibetischen Beschreibung durch Lung repräsentiert, ins Deutsche übersetzt als „Wind“. So wird also Lung zwar als Wind übersetzt, doch seine Bedeutung ist Bewegung.

Der Vajrayana lehrt, dass alles Geist ist. Gemeint ist jedoch nicht unser gewöhnliches Tagesbewusstsein, das auch als Affengeist bezeichnet wird, weil es sich unentwegt von Objekt zu Objekt oder von Konzept zu Konzept hangelt, unberechenbar, nie wirklich zu Ruhe kommend. Gemeint ist eine überindividuelle Qualität oder Ebene des Bewusstseins, die über alle Konzepte und alle Begrenzungen hinausreicht. Dieses Bewusstsein entspricht dem Raum, es ist weit, klar und leuchtend, unerschütterlich, allwissend, ungeboren; es ist die grundlegende Buddhanatur. Frei von allen Begrenzungen und Konzepten ist sie die Leerheit. Sie ist leer von den Grenzen eines Selbst und sie ist gleichermaßen leer von Anderem, weil sie alles beinhaltet.

In der unermesslichen Weite dieses ursprünglichen Raumes ist die Bewegung – Wind. Zu den verschiedenen Arten Wind zählen auch die Winde des Karma, d.h. die gewohnheitsmäßigen Tendenzen, die zu einer bestimmten Erfahrung von Wirklichkeit führen. Sie können den ursprünglichen Raum niemals beeinflussen, aber sie können den Anschein erwecken, als überdeckten sie ihn. Buddhistische Praxis, das ist die Anwendung von Methoden, die alle Begrenzungen eines illusionären Selbst transzendieren, die karmischen Winde bereinigen und beruhigen und die ursprüngliche, raumgleiche Buddhanatur offenbar werden lassen.

Die Winde des Karma peitschen die Oberfläche des ozeangleichen Geistes und formen immer neue Muster aus den fließenden Elementen. Es ist ein Meer, das von gewaltigen Wellenbergen durchwogt wird. Die kleinsten Kräuselungen darauf sind die Individuen, verbunden mit etwas größeren Wellenbewegungen – das Karma von Familien -, die Teil noch größerer Wellen sind – das Karma von ethnischen Gruppen und ganzer Völker -, die sich wiederum zu riesigen Brechern formieren – das Karma eines ganzen Planeten. Wellenberg neben Wellenberg sind auch die unzähligen Weltsysteme miteinander verbunden, alle miteinander in der einen Buddhanatur.

Der von Illusionen verwirrte Geist durchläuft immer neue traumartige Zustände, vorangetrieben von den karmischen Winden. Eine Existenz endet, wenn ihr Karma zu einem Ende gelangt. Aber die karmischen Winde wehen weiter. Neue wurden entfacht, unvorstellbar alte gelangen zu voller Kraft und der Kern des Bewusstseins, das mit dem Tod seinen Namen und andere Faktoren seiner vergangenen Existenz hinter sich gelassen hat, wird vorangeweht, hinein in eine neue Existenz, die dem vorherrschenden Wind und den damit verbundenen Gewohnheiten und Emotionen entspricht. Es ist ein großes Glück, in die meist ausgewogenen Umstände einer überaus kostbaren menschlichen Existenz geboren zu werden, mit all ihren Möglichkeiten, aus dem karmischen Traumzustand erwachen zu können. Der Eintritt in die Existenz erfolgt im Augenblick der Zeugung, wenn drei Faktoren zusammentreffen: Die weiße, lunare Substanz des Vaters, die rote, solare Substanz der Mutter und der Bewusstseinskeim, der sich mit den Substanzen und dem Karma von Vater und Mutter verbindet. Aus dieser Verbindung bildet sich der karmische Körper – ein System aus subtilen Energien und Energiebahnen und Winden, durchweht und aufrechterhalten vom karmischen Wind. Im Herzen sitzt der Bewusstseinskeim, im Scheitel die lunare Essenz des Vaters und im Sexualzentrum die solare Essenz der Mutter. Zwischen der weißen und der roten Essenz weht der karmische Wind und hält sie an ihrem Ort. Gelangt die Existenz an ihr Ende, so kollabiert das System unumkehrbar, die beiden Essenzen fallen ins Herz, der Zwischenzustand des Todes setzt ein und eine Neuwerdung beginnt – sofern das Bewusstsein sich seiner wahren, raumgleichen Natur nicht vorher bewusst wird.

Die inneren und äußeren Umstände und Ereignisverläufe sind eine Widerspiegelung des Fließens der inneren subtilen Energien und des Wehens der karmischen Winde. Die Erfahrung der Sonne und ihres Verlaufs ist eine Spiegelung des Verlaufs der solaren Energie während des Tages. Die Erfahrung des Mondes und der Sterne spiegeln den Verlauf der lunaren Energie während der Nacht. Die Erfahrung des Raumes spiegelt die Grenzenlosigkeit des ursprünglichen Bewusstseins. Wohlgemerkt: Das Äußere ist Spiegelung des Inneren, nicht umgekehrt. Karma wiederum zeigt sich in den Ereignissen und Ereignisverläufen, sowie in der Art unseres Erlebens.

Der buddhistische Weg ist ein Pfad tiefgründiger Transformation. Der Körper und die Erscheinungen werden als unermesslich kostbare Manifestationen der befreienden Energien erkannt. Anders als in vielen von dualistischer Zersplitterung geprägten Sichtweisen gilt unser menschlicher Körper nicht als abzulehnende oder zu unterdrückende Unreinheit, sondern als eine schwer zu erlangende Kostbarkeit. Der Körper bildet die Grundlage unseres Erwachens in die Buddhanatur, daher muss er rein gehalten und gepflegt werden. Der Körper ist das alchemistische Gefäß, in dem die unreinen und unedlen Substanzen der karmischen Energien in das Gold der Verwirklichung umgewandelt werden. Den Körper rein zu halten und zu pflegen bedeutet, dass er angemessen gereinigt wird, dass ihm keine Giftstoffe zugeführt werden, dass er gut genährt wird, ausreichend Schlaf und Bewegung erhält, dass Exzesse aller Art vermieden werden etc. Ernähren wir uns von hochwertigen Nahrungsmitteln im natürlichen Wechsel eines gesunden Hungergefühls und daran anschließender genuss- und maßvoller Nahrungsaufnahme, so nehmen wir die Essenzen der Elemente auf und gelangen zu einem tiefen, sehr befriedigenden Gefühl der Sättigung und es fällt sehr leicht, auf alle erdenklichen Genussgifte einfach zu verzichten.

Das europäische Denken ist bis heute tiefgreifend von einem Dualismus geprägt, der das menschliche Dasein in Körper und Geist aufspaltet, wobei der Geist höher bewertet wird und dem Körper, lediglich materieller Besitz und Gebrauchsgegenstand eines vermeintlich eigenständig existierenden geistigen Selbst, mit seinen Funktionen Geringschätzung entgegen gebracht wird. Dies bildet die Grundlage für die Extreme Askese und Exzess. Die Verachtung des Körpers und der körperlichen Welt lässt uns ungeachtet der Folgen zu immer neuen Genussgiften greifen, bis wir fett und aufgedunsen vor uns hinvegetieren, mit stets überfülltem Bauch, doch unentwegtem Hunger. Oder wir verachten die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, ernähren uns – kalorienzählend – jahrzehntelang nur mehr von Kaffee, Zigaretten, Keksen, Knäckebrot u.ä., ohne uns zu nähren. Der ausgezehrte, unterernährte Körper manifestiert Krankheiten aller Art, die wir mit Chemie zu bezwingen versuchen. Oder wir betrachten den Körper als eine Art Maschine, die wir durch verbissene Diäten und durch selbstquälerische sportliche Aktivitäten unserem Willen zu unterwerfen und zu „optimieren“ versuchen. Diese drei Beispiele offenbaren die immer gleiche tiefe Spaltung und Entfremdung gegenüber dem Körper und der natürlichen Welt.

In ähnlicher Weise wie der Körper werden auch die Stimme und der Geist rein gehalten und gepflegt. Die Stimme repräsentiert die Energie. Sie rein zu halten und zu pflegen bedeutet, nicht zu lügen, nicht in grober Weise zu reden, nicht die Stimme als Waffe zu missbrauchen, mit der man Wortprojektile auf andere abschießt, oder ihre Kraft durch Geschwätz zu zerstreuen. Der Geist wiederum wird in Qualitäten wie Mitgefühl, Achtsamkeit, Ruhe, Konzentration und Logik geschult. Auf diese Weise wird das psychophysische System immer weiter sensibilisiert und geschmeidig gemacht, um schließlich fähig zu werden, auch die subtilen Energien transformieren zu können.

All dies geschieht natürlich nicht aus Eigennutz, sondern zum Nutzen aller. Die Welt, die wir erleben, ist eine Widerspiegelung dessen, was in uns ist. Buddhismus beschränkt sich daher nicht auf die Läuterung innerer Energien, vielmehr muss mit den inneren Entwicklungen ein äußeres Handeln einhergehen. Im Buddhismus wird auf ganz verschiedenen Ebenen Entsagung geübt. Generell wird dem Unheilsamen entsagt und das Heilsame angestrebt. Das Unheilsame sind die verwirrten karmischen Sichtweisen - der Glaube an ein eigenständig existierendes Selbst und die damit verbundenen negativen Emotionen und neurotischen Zustände, die zusammengefasst werden in den drei Geistesgiften Gier, Hass und Unwissenheit oder Verblendung - und die daraus resultierenden verdrehten Arten des Handelns. Der Oberbegriff für die wahnhaften, unheilsamen Zustände ist Samsara. Die heilige Welt, in der wir uns befinden, ist in vielfacher Hinsicht kontaminiert mit den Giften Samsaras. Dies verschafft uns unendlich viele Möglichkeiten, unsere inneren heilsamen Entwicklungen in äußeres heilsames Handeln umzusetzen…

Samsara, das ist Verwirrung, Wahnsinn und Lüge. Wahrheit wird verzerrt und Verzerrungen werden zur Wahrheit erklärt. Hass und Gier werden gesät, tiefe Ignoranz wird kultiviert. Das betrifft natürlich auch den Buddhismus. Was man aber auch so alles zu lesen bekommt! Vor einiger Zeit las ich irgendwo, dass Buddhismus so furchtbar weltverneinend sei. Das zentrale Thema sei das Nichts und der Körper würde verachtet. Von Lustfeindlichkeit war gar die Rede. Gleichzeitig findet man Buddhismus mit Vegetarismus, Gewaltlosigkeit, Frieden und Meditation assoziiert. Der Umstand, dass es im Buddhismus monastische Traditionen gibt, kommt der europäischen Neigung zur Verachtung des Körpers sehr entgegen. Und natürlich gibt es weit verbreitete, durch allerlei romantisierende Kitschfotografie, Hollywooddramen und Japanromantik geprägte Vorstellungen von der Poesie des Buddhismus. Ein „richtiger“ Buddhist ist demzufolge offenbar eine Person, die als nihilistisch-asketischer Mönch oder Nonne mit brezelförmig verschlungenen Beinen herum sitzt, dann und wann ein wenig Grünzeug mümmelt, verzückt lächelnd einen Schmetterling oder eine Blume betrachtet und sich bisweilen dazu einen irgendwie poetischen Vierzeiler notiert.

Vielen Menschen scheinen derartige Vorstellungen in der einen oder anderen Weise durch den Sinn zu geistern. Ihr Glaube daran ist oft so fest, dass sie empört reagieren, wenn sie etwa erfahren, dass die Realität des Buddhismus nicht ihren Fantasien darüber entspricht, oder wenn sie vielleicht enttäuscht sind, dass ihr Lehrer nicht immer sanft und freundlich mit ihnen umgeht, oder wenn ihnen bewusst wird, dass ein Lama nicht zwingend auch ein zölibatärer Mönch sein muss. Zuweilen entwickeln sie dann sogar wilde Verschwörungstheorien, die sie als vermeintliche Enthüllungen in reißerischen Büchern veröffentlichen. Aus derlei verzerrten und verengten Vorstellungen leuchtet oft eine jahrhundertealte europäische Arroganz. Man kann ein ganzes Leben lang den Buddhismus studieren und auch nach Jahrzehnten des Studiums immer neue Aspekte und Tiefen erkunden, doch europäisches Denken liest einen Lexikoneintrag oder eine religionswissenschaftliche Zusammenfassung (und wie viel dort tatsächlich verstanden wurde, sei einmal dahingestellt), glaubt fortan alles über „den Buddhismus“ zu wissen und betrachtet dann ganz einfach die Oberfläche dieses Objektes durch die Brille präferierter Ideologien, halbverstandener christlicher Konzepte und selbst zusammengeschusterter Theorien.

Solch reduzierte Buddhismus-Klischees sind immer wieder erstaunlich: Glaubt tatsächlich irgendjemand, für so etwas seien Tempel und Stupas errichtet worden? Prinz Siddharta opferte sein luxuriöses Palastleben, umgeben von allen Annehmlichkeiten, der Suche nach Erleuchtung. Sollte man nicht annehmen, dass er mehr gesucht haben könnte, als einfach nur Passivität und Grünzeug? War er lediglich ein Luxusgeschöpf, das ein wenig Wellness gesucht hat? Oder entspannt lächelnde Körperfeindlichkeit?


Der Buddha suchte und fand die Befreiung vom Leiden. Der leidhafte Zustand der Illusion ist Samsara, also Verwirrung, Wahnsinn und Lüge mit all ihren leidhaften Verstrickungen. Heutzutage bewegen wir uns durch eine Zeit, die als Kaliyuga, das dunkle Zeitalter, bezeichnet wird. Es ist eine Zeit, in der die dämonischen Kräfte Samsaras sich zu so großer Macht ausgeweitet haben, dass es immer schwerer wird, die Wege zur Befreiung zu finden, denn selbst wenn wir einen solchen Pfad gefunden haben, werden wir von immer neuen Verwirrungen und Zweifeln geplagt. Es ist eine Zeit, in der wir auf all unseren Daseinsebenen auf immer neue Weise vergiftet und betäubt werden. Dies wiederum zieht viele sekundäre Leiden und Probleme nach sich. So sind die Vergiftungen und Verunreinigungen unserer drei Tore – des Körpers, der Stimme und des Geistes – unser primäres Problem, aber sie bewirken eine Fülle äußerer leidhafter Erfahrungen.

Gemäß der tantrisch-buddhistischen Sichtweise bewegen wir uns durch eine Welt, die von unermesslich vielen Arten empfindender Wesen bevölkert ist. Hierbei machen diejenigen Daseinswelten, die wir mit unseren Sinnen erfassen können – also die menschlichen und tierischen Existenzformen -, nur einen Bruchteil dessen aus, was tatsächlich um uns herum vorhanden ist. Der Buddhismus beschreibt darüber hinaus viele weitere, subtilere intelligente Daseinsformen, die Samsara ebenfalls bevölkern und uns umgeben. Wir interagieren mit ihnen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Da sie genau wie wir verblendete, von Leiden heimgesuchte Wesen sind, können wir ihnen durch unser blindes, unbewusstes, zutiefst ignorantes und selbstsüchtiges Dasein Schaden zufügen, was diese damit quittieren, dass sie uns vielfältige körperlichen und psychische Krankheiten schicken.

Unter den verschiedenen machtvollen Wesen bilden die Mamos (tib.) oder Matrikas (skt.) eine der wichtigsten und gefährlichsten Klassen. Ihr Name bedeutet „Mütter“ und unter den machtvollen Wesen sind sie die ältesten, denn sie repräsentieren den Aspekt des Universums, den wir als „Materie“ wahrnehmen. Wird ihr Daseinsbereich verletzt, so schicken sie Krieg und verheerende Seuchen. Insbesondere in diesem dunklen Zeitalter, in dem selbst der Vajrayana, das „Große geheime Mantra“, nicht unangetastet bleibt und von manchen in banale Zauberei, reine Psychologie oder ähnliches verzerrt wird, wird ihr legendärer Zorn entfesselt:

„Wenn die Söhne nicht mehr auf die Worte ihrer Väter hören,
eine böse Zeit, wenn Verwandte streiten,
wenn sich die Leute in schlampige Lumpen kleiden,
wenn sie sich mit schlechtem, billigem Essen ernähren,
wenn es Familienfeden und Zivilkriege gibt:
All dies provoziert den Zorn der schwarzen Mamos.
Diese vielfältigen Frauen füllen tausend Daseinsbereiche.
Sie schicken Krankheit zu Mensch und Tier.
Der Himmel ist dick erfüllt von dunklen Wolken der Krankheit.
Sie entfesseln kosmischen Krieg.
Sie vernichten, indem sie ein Zeitalter der Waffen einleiten.
Plötzlich schlagen sie die Menschen mit tödlichen, eitrig-geschwürigen Wunden.
Kühn werfen sie Hagel und Blitzschläge herab.“

Bildliche Darstellungen zeigen die Mamos meist ausgestattet mit einem Ledersack, der verschnürt ist mit einer Giftschlange. Er ist gefüllt mit Giften und Seuchen, die von den Müttern verspritzt werden, wenn ihr Zorn erregt wurde. Neue, bisher noch nicht gekannte Seuchen gelten als das Werk der Mamos. Hier liegt nach buddhistischem Verständnis z.B. auch der Ursprung von AIDS. Und um hier gleich einem ganz typischen Missverständnis entgegen zu wirken: Es geht nicht um eine individuelle Schuld, die von den Mamos bestraft wird, es geht um kollektives menschliches Fehlverhalten. Das Individuum kann sich nur darum bemühen, achtsam zu handeln und den Zorn der Mütter zu beschwichtigen.

Die Mamos insgesamt sind zwar machtvolle, jedoch samsarische Wesen wie wir. Es gibt jedoch auch unter ihnen erleuchtete Wesen. So nennen die höchsten Tantras der Nyingma-Schule oder der alten Tradition des tibetischen Buddhismus eine Mamo, die in den Rang einer überweltlichen Weisheitsdakini erhöht ist, d.h. sie ist ein im Daseinsbereich der Mamos manifestiertes erleuchtetes Wesen. Sie repräsentiert die „befreiende Zauberei“ oder den „befreienden Fluch“ (tib. mamo bötong), durch die sie die Verbindung des Praktizierenden mit der heiligen Welt beschützt. Wenn sich also z.B. ein Praktizierender des Vajrayana eine respektlose Haltung gegenüber der Heiligkeit angewöhnt, so hat dies giftige Ergebnisse zur Folge. Die Praxis dieser Meditationsgottheit ist daher ein äußerst kraftvolles Erinnerungsmittel für den Praktizierenden, um seine spirituellen Versprechen (samaya) zu stärken und seinen Sinn für die Kostbarkeit des Lebens zu schärfen.

Die Mamos bilden eine Kategorie von insgesamt acht Klassen machtvoller Wesen, die den Menschen umgeben. Die Klasse der Nagas etwa umfasst insgesamt drei Arten von Wesen, die die Gewässer und den Erdboden bevölkern. Werden sie provoziert, so bewirken sie verschiedene Hautkrankheiten, Lepra u.ä. Die anderen Klassen bewirken Lähmungen, Epilepsien, Krebs, Wahnsinn, Streit, Krieg oder auch Unfälle. Eine jede der acht Klassen repräsentiert einen Aspekt der uns umgebenden Welt und jeder dieser Aspekte ist gleichermaßen eine Spiegelung unserer inneren Beschaffenheit. Wir sind also nicht Opfer einer feindlichen, dämonischen Umwelt, sondern die von uns erlebte Umwelt spiegelt die Dämonie der in uns bestehenden Geistesgifte.

Es mag vielleicht langsam deutlich werden, dass Buddhismus weder ein Synonym für Weltabgewandtheit oder Körperfeindlichkeit, noch eine seichte Wellness-Übung ist, die der Entspannung und dem persönlichen Wohlbefinden dient. So empfiehlt etwa Dzongsar Khyentse Rinpoche solchen Menschen, die nur meditieren wollen, um sich „gut zu fühlen“, um „glücklich“ oder „entspannt“ zu sein, sie sollten doch lieber zusehen, dass sie eine Ganzkörpermassage bekommen, statt zu versuchen, den Dharma zu praktizieren.

Den Buddha-Dharma zu praktizieren bedeutet, sich einer anspruchsvollen Übung zu unterziehen, die den Geist klärt, die Achtsamkeit schärft, das Mitgefühl entwickelt, die uns dabei hilft, die dualistischen Aufspaltungen in Selbst und Andere, Ich und Welt, Zuneigung und Abneigung usw. zu überwinden und dadurch fähig zu werden, die heilige, ursprünglich reine Welt in das eigene Dasein zu integrieren. Daraus resultiert ein entsprechendes Handeln. Wird der Körper als etwas Heiliges erkannt, das die Grundlage auf dem Weg zur Erleuchtung darstellt, so wird er gepflegt und sowohl äußerlich, als auch innerlich rein gehalten. Wir werden achtsam hinsichtlich unserer Nahrung, werden fähig, Genussgifte zu erkennen und zu vermeiden, können die natürlichen Rhythmen von Ruhe und Aktivität angemessen beachten und Exzesse aller Art vermeiden. Dies hilft uns dabei, unsere Energie auszugleichen und zu harmonisieren, wodurch wiederum die Übungen des Geistes intensiviert werden und schnellere Resultate bringen. So können wir innere Zufriedenheit, Entspannung und Gelassenheit entwickeln, was zu äußerer Genügsamkeit führt. So in den mittleren Weg zwischen allen Extremen eingetreten, können wir dann auf vielen Ebenen zum Nutzen aller empfindenden Wesen handeln. Wir sind dann Teil dieser heiligen Welt und unser Handeln ist natürlich und ungekünstelt auf ihr Wohl gerichtet.

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