Donnerstag, 1. August 2013

Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden

Von Sati und Uhanek


Sati: Tantra… das erste Mal hörte ich davon Anfang der 80er. Also ich bin mir ziemlich sicher, es war Anfang der 80er, weil ich mich noch gut erinnere, dass ich hoffte, dass meine Mutter nicht zur Tür reinplatzt und mitkriegt, was ich mir da gerade im Fernsehen ansah. Dort saß nämlich ein zotteliger, leicht ausgemergelter Vegetarier mit zwei Frauen und erzählte was über Polygamie und eben "Tantra". Die eine von den beiden Frauen, eine großbusige, spärlich bekleidete Dunkelhaarige, hatte so einen komischen Punkt auf der Stirn und poste die ganze Zeit in die Kamera, während der Zottel im Schneidersitz und ebenfalls halbnackt über Besitzdenken in Beziehungen referierte. Die andere Frau, eine blasse Blondine, hat in ihrer Unscheinbarkeit kaum eine Chance gegen die Dunkelhaarige, zumal man sie in einem 80er-Jahre-Schulterpolsterblazer genauso gut für eine Bankangestellte hätte halten können. Da half auch das durchsichtige Blüschen nicht.

Uhanek: Ach Gott, ja, an diese Art … nennen wir es mal „Neo-Tantra“-Präsentationen (böse Zungen sprechen ja zuweilen u.a. auch vom Swinger-Tantra) erinnere ich mich auch gut. Es gab da einen Herrn in Berlin, der gern für seine „Tantra-Kurse“ warb, indem er sich den Fernsehkameras nackt oder im knappen String-Tanga präsentierte, das lange Haar oberhalb der Ohren zu einem mit roten Bändern umwickelten Zopf gebunden. Vor ein paar Jahren schenkte mir ein äußerst spöttisch veranlagter Freund aus Berlin sogar mal eine DVD dieses „Tantrikers“ - falls ich mal ein wenig Erheiterung bräuchte.

Meine eigene Begegnung mit dem Begriff „Tantra“ fand Anfang der achtziger Jahre in Gestalt eines reich bebilderten, ganz ausgezeichneten Buches über tantrische Lehren des Hinduismus statt. Ich hatte bereits seit meiner Kindheit eine starke Affinität für Buddhismus, Hinduismus und allgemein indische Kultur und Religionsgeschichte. Dementsprechend befremdlich erschienen mir von Anfang die Publikationen (oder darf man an dieser Stelle ruhig von „Ergüssen“ sprechen...?) insbesondere aus Osho-Kreisen, die unter dem Begriff „Tantra“ im Wesentlichen über kosmische Orgasmen fabulierten.

Sati: Ich stolperte einige Jahre später wieder über den Begriff Tantra. Ich war um die 16 und entdeckte gerade meine Leidenschaft für Okkultimus und die Gothic-Szene. Ich hatte eine Brieffreundin aus Norddeutschland, die mir immer von schwarzen Messen berichtete, von Sexualmagie, nächtlichen Friedhoftouren und von Aleister Crowley. Ich glaube meine Mutter weiss bis heute nicht, was das für Bücher waren, die ich mir so sehnlichst gewünscht hatte und regelrecht verschlang. Irgendwo las ich dann was von "Tantra" und Sexualmagie und da es damals weder Internet gab noch jemanden den ich als wohlbehütete Akademikertochter fragen konnte, dachte ich, Sexualmagie ist wohl die deutsche Übersetzung von "Tantra".

Uhanek: „Sexualmagie“ ist ein schönes Stichwort. Unter dem Begriff finden sich großartig absurde Verzerrungen des Tantra-Begriffes. Ich hatte in einem sehr umfangreichen Archiv hier in Göttingen Gelegenheit, ziemlich viele interne Texte diverser Logen zu dieser Thematik zu lesen. Die meisten dieser Texte waren zusammengestückelt aus Versatzstücken hinduistischer und buddhistischer Tantra-Lehren, mit einem Schuss taoistischer Alchemie hier und dort. Bei vielen dieser Versatzstücke kannte ich die ursprünglichen Quellen und es war ganz interessant zu lesen, welche Verzerrungen sie durchlaufen hatten, um sie den machtlüsternen Fantasien ihrer Interpreten der „westlichen Tradition“ anzupassen. Letztlich waren derlei Deutungen fast noch komischer als die der Swinger-Tantriker, weil sie sich selbst noch sehr viel wichtiger nahmen.

In den 80ern hatte ich auch so einen Faible für Postpunk und Gothic. In der Szene wurde ja gerne mit okkultistischen Symbolen kokettiert, zumal es damals, ausgehend von Amerika, ja auch so eine leichte Okkultismus-Satanismus-Hysterie gab, die hinter jedem Pentagramm und jeder dahingeschmierten 666 den Teufel witterte. In den Grupppen, zu denen ich damals Kontakt hatte, wurden verschiedene Texte ganz unterschiedlicher esoterischer und okkultistischer Strömungen herumgereicht. Da fand man dann Starhawk neben LaVeys satanischer Bibel und natürlich Crowleys Texte. In der so zusammengerührten „Magie-Suppe“ durfte natürlich auch die Sexualmagie und viel Gerede über Tantra und Chakren nicht fehlen.

Sati: Ich wuchs also immer mehr in die Gothic-Szene hinein und tatsächlich gab es auch bei uns einige, die dem Okkultismus recht zugetan waren, und manche behaupteten auch von sich, Sexualmagie zu praktizieren. Das waren dann meistens jene, die irgendwann ihre Spitzenhemden und Samtröcke gegen Lackhosen, High Heels und Lederschlauchkleider eintauschten. Auch mir gefiel dieser Klamottenstil sehr und ich erinner mich noch gut daran, als ich meine erste Lackhose für damals 80 Mark kaufte, was ein Vermögen angesichts meines Taschengeldes darstellte. Nicht dass jetzt Lackhosen grundsätzlich was mit Tantra zu tun hätten, aber in meinem Fall schon. Dazu später mehr…

Uhanek: Ich mochte das ja auch. Und ich habe mir damals auch gern mein silbernes Okkultgebamsel um den Hals gehängt. Machte sich ja gut auf den schwarzen Klamotten.

Sati: In meiner Gothic-Zeit lernte ich meine damals beste Freundin kennen, die der fernöstlichen Spiritualität sehr zugetan war. Auch sie sprach von "Tantra" oder "Kama Sutra" und ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, was sie damit assoziierte, nämlich in wallenden Saris herum zu hüpfen, Räucherstäbchen abzufackeln und die neusten Kniffe aus ihren Massageseminaren an mir auszuprobieren, was mir außerordentlich gefiel. Was mir weniger gefiel war, dass sie das auch immer an Kerlen ausprobieren musste, in die sie gerade verknallt war. Das weiß ich, weil sie einmal wollte, dass ich mitmache. Ich muss sagen, ich fand es äußerst befremdlich einem fremden Mann, den ich zudem auch noch ziemlich unspektakulär fand, die haarigen Beine einzuölen. Irgendwann verließ ich die beiden und erfuhr hinterher, dass wohl nichts mehr gelaufen war. Das war also auch Tantra…

Diese Freundin lernte bald darauf ihren zukünftigen Mann kennen, der ebenfalls der Fernost-Spiritualität zugetan wie auch "Tantra"-erfahren war. Das sah dann in erster Linie so aus, dass er mir dauernd an die Wäsche wollte und behauptete mich ebenfalls "auf eine universelle Weise" zu lieben, nachdem er meine Freundin versehentlich geschwängert hatte. Die beiden gründeten nach ihrer Hochzeit eine "spirituelle Gemeinschaft" und bezogen ein großes Bauernhaus im Voralpenland als das Kind kam. Ich besuchte die kleine Familie einzweimal dort und erinnere mich noch gut, dass das kleine Mädchen beim Mittagessen ihren Rock hochhob und zu mir meinte "Guck mal das ist meine Klitoris." Als ich völlig entsetzt zu meiner Freundin blickte, meinte sie lächelnd zu mir "Wir wollen dass sie ohne körperliche Tabus aufwächst." Aaah ja… das war dann also auch "Tantra". Ihr Mann wollte mir übrigens immer noch an die Wäsche und versuchte mich mit widerlichen kleinen Psychospielchen meine "Sinnlichkeit" zum Fließen zu bringen, was ihm nicht gelang, denn ich stand immer noch auf Männer mit schwarzen Lackhosen, Doc Martens und ausrasierten Schläfen. Ich beschloss mich von alldem zu distanzieren...

Ein paar Jahre später las ich in einer großen deutschen Esoterik-Zeitschrift einen Bekennerbericht einer Frau, die von ihrem Guru sexuell missbraucht worden war. Der Sitz der spirituellen Kommune, den diese Frau als "Tatort" angab, stimmte ziemlich genau mit dem letzten Wohnsitz meiner Freundin überein. Die betroffene Frau, die in ihrer Kindheit langjährigen sexuellen Missbrauch erlebt hatte, schilderte wie ihr "Guru" ihr verklickerte, dass sie ihr "Karma" nur auflösen könne, wenn sie ihm zu Willen sei - gefolgt von anatomisch genauen Angaben, wie dies von Statten zu gehen hatte. Irgendwo trieb ich die Mailadresse von meiner Freundin auf und schrieb ihr von diesem Bericht. Die News waren dort wohl schon längst angekommen, denn ich platze mitten in einen großen Ehekrach. Mit Spiritualität hatte das alles nicht mehr viel zu tun…

Uhanek: Diese Verzerrungen des Tantra-Begriffes tragen im Grunde ja immer den Missbrauch in sich, kommt mir vor. Vielleicht hat das mit dieser unsäglichen, selbstgefälligen Ignoranz zu tun, die sich an fremden Kulturen bedient und ganz beliebig die aus ihrem Kontext gerissenen Versatzstücke fremdkultureller philosophischer Lehren und Praktiken, religiöser Kultformen, mystischer Vorstellungen u.ä. dem eigenen Ego anpassen. Oft scheint es wirklich nichts anderes als reiner Egokult und blanke Nabelschau zu sein.

Sati: Um noch mal zu den Lackhosen zurückzukehren… Gothicmode war damals sehr kostspielig und durch meine Großmutter mit einem Talent fürs Schneiderhandwerk gesegnet fing ich früh an meine Kleidung selbst herzustellen, was irgendwann soweit ging, dass ich mein eigenes Atelier für Schnürkorsetts eröffnete. Doch, doch ich bin immer noch bei Tantra! Irgendwann hatte ich mal eine Lieferung an einen benachbarten Swingerclub, der eine meiner Kreationen während einer Swingerparty verlosen wollte. Als ich am späten Nachmittag vor der Veranstaltung dort auftauchte, war man gerade mitten in den Vorbereitungen. Natürlich gab es auch einen Räucherstäbchen bestückten Raum für "Tantra", der ein bisschen aussah wie ein chinesisches Restaurant bei dem man die Tische gegen ein Kingsize Bett mit vielen Bommelkissen eingetauscht hatte

Uhanek: Ach, da sind wir also beim Swingerclub angekommen...

Sati: In der Korsettszene lernte ich außerdem eine Frau kennen, die nicht nur Korsettliebhaberin sondern auch Philosophie-Dozentin an der Uni war. Eines ihrer Wissensgebiete war so einer Art "philosophische Sexualwissenschaften", das heißt sie erforschte Sexualität in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Sie erklärte mir dass man über Tantra zu einer heilen Sexualität finden könne und dass dies in westlichen Kulturen aufgrund der christlichen Prägung nur schwerlich möglich sei, da die westliche Sexualität vor allem von Machtspielchen geprägt sei, die in der BDSM Szene besonders pervertiert worden seien. Sie nannte derartige Spiele "moderne Sklaverei".

Ich habe immer noch keine Ahnung von Tantra. Ich denke aber, dass ich inzwischen ziemlich genau weiß, was es nicht ist. Das was ich unter diesem Label kennengelernt habe, fand ich meist für einen kurzen Zeitraum auf eine gruselige Art spannend, aber nie wirklich interessant, weil es mir immer wie eine groteske Inszenierung von etwas vorkam, dass eigentlich keinerlei Inszenierung bedarf. Ich liebe Bommelkissen, ich habe ein beachtliche Sammlung an Lederstiefeln und einen Sari hab ich mir kürzlich auch zugelegt. Aber jetzt möchte ich wirklich gerne mal hören, was Tantra eigentlich wirklich ist.

Uhanek: Dieses ganze Gerede über den „kosmischen Orgasmus“, „Sexualmagie“ u.ä. ist natürlich Blödsinn und hat in der Regel mit Tantra wenn überhaupt, dann nur sehr wenig zu tun. Man kann halt von „Neotantra“ oder „Esotantra“ oder von mir aus auch von „Wellnesstantra“ sprechen. Es werden heutzutage einfach gerne irgendwelche Begriffe aufgegriffen und so zurechtinterpretiert, wie es den Wunschträumen und Bedürfnissen der Angehörigen unserer Gesellschaft entspricht.

Sati: Das ist ja gerade in der Eso- und Spirituellen Szene recht häufig anzutreffen... nicht nur auf buddhistische Inhalte bezogen...

Uhanek: Klar, das ist dann ein eigenständiges und recht weit verbreitetes Phänomen westlicher Kulturen, neben Neuheidentümern, neuen Hexen, der „neuen Spiritualität“ christlich evangelikaler Gruppen etc. Was häufig hinter diesen verschiedenen Begriffen steckt, unterscheidet sich kaum voneinander und ist inhaltlich im Grunde alles ein Abwasch. Eins von vielen Phänomenen der postmodernen Gesellschaft. Und meist geht es darum, den Wunsch nach narzisstischer Selbstbespiegelung zu bedienen. Der übliche Blödsinn: An sich ganz durchschnittliche Mitglieder dieser Gesellschaft wollen irgendwie anders sein als Mutti und Vati, bedienen sich daher bestimmter Begriffe, die sie mit diesem Anders-Sein assoziieren und betreiben inhaltlich am Ende doch nur eine Apologetik eben jener Durchschnittlichkeit, von der sie sich doch so sehnlich hatten abheben wollen.

Sati: Das erinnert mich jetzt fast wieder ein bisschen an die Punk/Gothic-Szene (nur die hatten einfach die cooleren Outfits...). Erst kürzlich habe ich einige Leute wiedergetroffen, die damals noch mit viel Mühe "anders" sein wollten und es ist beinahe lustig, wie angepasst und konservativ die meisten von ihnen heute sind. Job, Familie, Auto, Anzug, statt kollektivem Besäufnis Dinner-Partys mit Freunden...

Uhanek: Die Übergänge zwischen diesen Szenen – Gothic, Okkultismus, Neuheidentum, Hexen, Mittelalter, Rollenspiel - sind oft recht fließend und der Umgang mit der „Spiritualität“ oft geprägt durch Selbstdarstellung und Oberflächlichkeit. Eigentlich ist es traurig. Aber vielleicht ja auch ganz interessant, weil solche Dinge dann halt in vielerlei Hinsicht den Zustand unserer Gesellschaft widerspiegeln. Den Grad des Verfalls. Spirituell ernst zu nehmende Persönlichkeiten bilden in diesen „westlichen Wegen“ eher die Ausnahme, scheint mir. Einigen wenigen bin ich aber begegnet...

Sati: Solche, die das von sich zumindest behaupten, gibt's ja mehr als genug und die Nachfrage scheint ziemlich groß zu sein. Vielleicht ist der Anstrich nicht mehr ganz so "spirituell" wie noch vor 10-20 Jahren. Heute schmeißt man mit ein paar gesundheitlichen Schlagwörtern um sich und behauptet Krebs oder AIDS heilen können. Und ich staune immer sehr, was für einen unglaublichen Ansturm solche Leute haben...

Uhanek: Derlei esoterische Tunichtgute sind ja leider Legion. Das lässt mich jetzt spontan an einen solchen denken, der in der buddhistischen Szene sein Unwesen treibt und sich seit ein paar Jahren als wundertätiger buddhistischer Ngakpa-Lama ausgibt. Mit magischen Heilversuchen und magischen Börsenspekulationen ist es ihm im Laufe der Jahre bereits recht erfolgreich gelungen, ganz gehörig Unheil zu stiften. Es gelingt ihm immer wieder, „Schüler“ mit Methoden, wie man sie aus Psychokulten kennt, eine Zeit lang an sich zu binden. Er erzählt den Leuten dann, dass sie von Dämonen besessen seien oder dass die Schützer der buddhistischen Lehre auf sie wütend seien, wenn sie nicht machen, was dieser Guru von eigenen Gnaden ihnen sagt. Da steht man immer ganz fassungslos davor und fragt sich, was eigentlich schlimmer ist: Dass es solche skrupellosen Hochstapler überhaupt gibt oder dass immer wieder Menschen ganz grenzenlos naiv auf derartige Scharlatane hereinfallen?

Das ist natürlich ein Extremfall. Sicherlich meinen die meisten Leute es durchaus gut. Wir leben in einer so offensichtlich kranken, verrückten und von einem geistig-kulturellen Krebs zerfressenen Gesellschaft, dass es nicht verwunderlich ist, wenn sich Menschen auf die Suche nach Auswegen machen. Nur leider geschieht dies oft auf eine Weise, in der die grundlegenden Denk- und Sichtweisen dieser Gesellschaft gar nicht in Frage gestellt werden. So verbleiben die Suchenden oft einfach in dem Gefängnis, dem sie doch entfliehen möchten. Eine der wichtigsten Fesseln bildet dabei das Haften an oberflächlichen Begriffen und Konzepten. Da werden dann eben exotisch anmutende Begriffe ins Spiel gebracht und innerhalb der herrschenden Denkmuster und Wirklichkeitsvorstellungen interpretiert. So bleibt alles beim Alten, nur mit etwas neuer Tünche und aufgefrischtem Make Up.

Sati: Kannst Du bitte einmal erklären, was man unter Tantra nun wirklich versteht?

Uhanek: Der Begriff „Tantra“ bedeutet „Gewebe“, „Zusammenhang“, „Kontinuum“. Es gibt hinduistische und buddhistische Tantra-Traditionen. In vielen Publikationen wird behauptet, die tantrische Überlieferung des Buddhismus habe sich aus der hinduistischen entwickelt, was aber eigentlich gar nicht so sicher zu sein scheint. Im Wesentlichen spiegeln solche Aussagen wohl den europäischen Wunsch wieder, die Welt in linearen Abfolgen denken und deuten zu wollen. Relevant für uns ist, dass es mehrere tantrische Überlieferungen mit unterschiedlichen inhaltlichen und methodischen Schwerpunktsetzungen gibt. Die tantrischen Traditionen speisen sich aus verschiedenen Quellen des mittelalterlichen Indiens, die neue, nicht-vedische Rituale einführten. Allen ist gemeinsam, dass ihre Lehren die Einheit des Relativen und des Absoluten betonen, also die letztliche Identität von phänomenaler Welt und höchster, absoluter Wirklichkeit. Das Ziel dieser Lehren besteht dementsprechend in der Einswerdung mit dem Absoluten und der Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit.

Sati: Wie kommt es dann zu diesem... sagen wir mal "schlüpfrigen" Image von Tantra? Und vor allem wie passt das in einen buddhistischen Kontext? Ich dachte immer der Buddhismus hat viel mit Askese zu tun? Außerdem hab mich schon über den nicht-vegetarischen Inhalt Deines Kühlschranks gewundert...

Uhanek: Es gibt immer wieder Westler mit sonderbaren Vorstellungen, viel bruchstückhaftem Wissen und sehr viel selbstgefälliger Ignoranz, die im Brustton der Überzeugung zum Teil höchst sonderbare Vorstellungen über einen „reinen“ Buddhismus verbreiten. Dabei wird dann meist das Geschreibe anderer kenntnisfreier westlicher Autoren wiedergekäut. So erscheint dann der Gedanke, es könne einen tantrischen Buddhismus geben natürlich leicht als ein Widerspruch in sich, weil ja vermeintlich alle Buddhisten weltverneinende und asketische lächelnde Vegetarier seien; Tantra hingegen habe doch eher mit sexueller Extase und Zauberei zu tun. Wer diesen Blödsinn für bare Münze hält ist dann auch leicht mal sehr offen für völlig absurde „Enthüllungen“ gewisser Autoren, die ganz genau zu wissen glauben, dass das einzig wahre Heil in der Krone der menschlichen Entwicklung liegt, nämlich den westlichen Gesellschaften der Gegenwart mit ihren auf breiter Ebene akzeptierten dogmatischen Beschreibungen dessen, was die Wirklichkeit sei. Was davon abweicht ist natürlich gefährlich. Und so werden leicht die Ergüsse primitivster Propaganda unters Volk gebracht: Der Dalai Lama betreibe Sexualmagie, raube dabei Frauen ihre Gynergie - eine eigens von den Autoren erfundene geschlechtsspezifische Energieform, die geraubt werden kann und offenbar vor dem Hintergrund bevorzugter Geschlechtervorstellungen vielen Leuten plausibel erscheint – und strebt mittels finsterer Mächte die Weltherrschaft an. Und wem der Dalai Lama als Urvater Darth Vaders und der finsteren Sith denn doch eine Spur zu fantasievoll ist, der kann sich von den höchst primitiven faschistoiden Hetzschriften eines gewissen deutschen Psychologen darüber aufklären lassen, dass die „Scheiße fressenden Tibeter“ uns edle Westler in seelische Krüppel verwandeln wollen, allen voran ihr grinsender „Gottkönig“, der Dalai Lama.

Das hat natürlich auch alles nichts mit Tantra, Buddhismus und Tibet zu tun, eher mit einer Psychopathologie westlicher Mentalitäten.

Sati: Ok, dann frage ich einfach mal ganz unverblümt: Was macht man denn tatsächlich, wenn man Tantra praktiziert? Und jetzt leg mal die Karten auf den Tisch, Uhanek! Ich will alles wissen!!

Uhanek: Tantra dient der Untersuchung und Auslotung des Geistes. Tantra ist der Pfad der Transformation. Transformiert wird hierbei die begrenzte relative Erfahrungswelt des gewöhnlichen Individuums in die Erfahrung des absoluten Bewusstseins und der von ihm erlebten höchsten Wirklichkeit. Im mittelalterlichen Indien konnten auch Könige, die aus niederen Kasten oder nicht aus Indien stammten, durch tantrische Riten legitimiert werden. Sie wurden dann gewissermaßen vom falschen Stand in die Königswürde transformiert - eine soziale und politische Transformation also. So war das im mittelalterlichen Indien. Für uns hat das Prinzip der Transformation eine andere Bedeutung. Wir haben es im Grunde mit mehreren Arten der Transformation zu tun. Wir werden als Tantriker von einem gewöhnlichen, von Illusionen und negativen Emotionen getriebenen Wesen durch die tantrische Ermächtigung in ein reines, erleuchtetes Wesen transformiert, indem uns auf symbolische Weise die uns innewohnende Buddhanatur aufgezeigt wird. Als praktizierende Tantriker transformieren wir dann mit unterschiedlichen Methoden unsere negativen Emotionen, all unsere Geistesgifte und Illusionen in die uns eigene ursprüngliche Weisheit. Auf diese Weise wird der Geist von seinen wahnhaften Vorstellungen gereinigt, erlangt die Erkenntnis der Leerheit und verwirklicht den Zustand der Erleuchtung.

Das klingt natürlich alles zunächst mal ziemlich abstrakt und gibt dadurch auch gern einmal Anlass zu allerlei sonderbaren Verdrehungen. Die berühmte buddhistische Leerheit wird ja bis heute immer wieder mal ganz gerne von manchen Autoren als „Nichts“ gedeutet. Eine andere ganz lustige Interpretation lieferte mir vor einiger Zeit ein junger Okkultist. Er hatte unter dem Vorwand, Fragen zu bestimmten Aspekten des Buddhismus zu haben, um ein persönliches Gespräch gebeten. So saß ich denn schließlich in meiner Küche einem blassen, anorektischen jungen Mann gegenüber, der mich nach einigen wenigen Fragen zum Buddhismus, die er sich sehr schnell mit Hilfe von Wikipedia und Google selbst hätte beantworten können, mit einer nicht enden wollenden großspurigen Selbstdarstellung zu beeindrucken versuchte. Nachdem ich in gut anderthalb Stunden von ihm erfuhr, dass er ein überragender Magier, ein tiefgründiger Wissender, ein Mystiker der Sonderklasse und quasi so gut wie erleuchtet sei, fragte er mich, ob man denn, wenn man die Erleuchtung erreicht habe, hier bleiben müsse, also gewissermaßen seine Zeit in dieser Welt trotz guter Führung mit abschließender Erleuchtung dann noch absitzen müsse. Dies ist eine Frage, die in ihrer dualistischen Spaltung und Wertung sehr weit von den buddhistischen Sichtweisen auf die Welt und der Bedeutung des im Buddhismus angestrebten Zustandes der Erleuchtung entfernt ist. Als ich daraufhin fragte, ob er denn schon einmal von dem für buddhistisches Denken sehr zentralen Leerheitsbegriff gehört habe und was das seiner Ansicht nach sei, erklärte er mir, ja, für ihn bedeute Leerheit, wenn der Kopf leer sei. In dem Punkt konnte ich nach allem, was ich zuvor zu hören bekommen hatte, nicht umhin, ihm tatsächlich zu glauben, dass er über einen sehr großen Erfahrungsschatz verfügte.

Sati: Also wenn ein leerer Kopf sowas wie Erleuchtung bedeutet, dann bin ich auch oft ziemlich erleuchtet... haha... Du glaubst ja gar nicht wie leer mein Kopf sein kann!

Uhanek: Nun muss man natürlich einmal mehr anmerken, dass dieser junge Mann mit all seinen großartigen Vorstellungen über sich selbst und mit all seinem mit egozentrischen Fantasien durchmischten angelesenen Halbwissen eben ein typischer Vertreter unserer Welt ist. Wir alle erschaffen uns eine Welt aus all den erlernten, erfahrenen und gedeuteten Versatzstücken, die wir im Verlauf unseres Lebens aufnehmen und mit deren Hilfe wir uns unsere Wirklichkeit erklären und strukturieren, mit dem Resultat, dass sich dieses Puzzle aus Ideen und Annahmen letztlich als vermeintliche Wahrheit unentwegt selbst bestätigt. Es ist, als würden wir den Himmel und das Licht durch Buntglasscheiben betrachten, die wir uns aus farbigen Glassplittern zusammengesetzt haben. Name, Geburtstag und -ort, Familienmitglieder, Freunde und alle erdenklichen weiteren biographischen Details bilden die transparenten Mosaikteilchen. Und als sei das nicht schon genug, schieben wir auch noch mehrere derartige Scheiben übereinander - die von uns als Wahrheiten akzeptierten Inhalte, unsere Glaubenssätze etc. - und nehmen dabei an, in den so entstandenen Farbmustern eine eigenständig bestehende Welt des Lichts zu erblicken. Und die Welt, die wir uns auf diese Weise erschaffen, ist nicht einmal besonders schön, denn sie wird dominiert von den düsteren Farben unserer dunkelsten Emotionen oder Geistesgifte: Gier, Hass, Ignoranz, Stolz und Neid. Und all dies wird zusammengehalten von unserem Festhalten an einem Selbst --- unserer Selbst-Sucht. Mit aller Macht identifizieren wir uns mit den Schichten unserer Buntglasmosaike, halten vehement an diesem falschen Selbst fest, egal wie hässlich die hindurch scheinende Sonne auch verzerrt wird. Wenn uns die Lichtmuster zu unangenehm werden, dann schieben wir lieber eine neue Scheibe vor die anderen Mosaike, anstatt zu lernen, diese Konstruktionen alle miteinander beiseite zu legen. Es ist noch nicht einmal so, dass die Buntglasmosaike als solche das Problem darstellen. Unsere Selbstidentifikation und die daraus entstehenden Leiden sind das Problem.

Sati: Dann hat Tantra ja sehr viel mehr damit zu tun unsere Wahrnehmung zu verändern oder "zu leeren"?

Uhanek: Nicht nur die Wahrnehmung, sondern das Bewusstsein insgesamt. Legen wir unsere falschen und begrenzenden Ideen über uns selbst und unsere Welt ab, so kann sich unser eigentliches Potential entfalten. Als Tantriker wollen wir uns von einem wahnhaften Zustand der Trennung, Vereinzelung und konzeptuellen Einengung befreien. In unseren westlichen Gesellschaften hat sich das ganze Problem durch das trennende und vereinzelnde Ich-Ideal und die allgemein vorherrschenden auf Besitz und Konsum ausgerichteten Ideologien noch weiter verschärft. Argwöhnisch betrachten wir unsere Mitmenschen, fixieren uns auf das Trennende, betrachten die anderen als potenzielle Feinde, als Konkurrenten, als mögliche Diebe, Terroristen, Spione. Und wenn wir von den anderen ja ohnehin nur das Schlechteste erwarten können, dann können wir es ihnen auch gleich tun. Jeder ist sich schließlich selbst der Nächste. An die Stelle der Nächstenliebe treten der Nächstenhass und der Nächstenverdacht in unserer feindseligen Kultur der alles verzehrenden Selbst-Sucht. Hasse deinen Nächsten wie dich selbst.

Es ist eine zutiefst materialistische Kultur. Ausgehend von der Annahme einer eigenständig existierenden Materie, die Leben und Bewusstsein entweder zufällig hervorbringt oder quasi ausschwitzt, oder aber die unabhängig und letztlich getrennt neben dem Geist besteht, steht der einzelne Mensch als materielle Einheit getrennt vor einem ganzen Universum anderer materieller Einheiten, die auf unterschiedliche Weise gelenkt und manipuliert werden können. Der materialistische Mensch in seinem getrennten Eigen-Sein sammelt im Verlauf seiner zeitlich begrenzten Existenz materielle Besitztümer. Unter diesen Besitztümern befinden sich auch Worte und Konzepte aller Art, die unter der Sichtweise des getrennten materiellen Eigen-Seins selbst zu einem Ausdruck der Materie und ihrer Beschränkung wird. So, wie sich der Materiemensch als eigenständiges Selbst begreift, so sieht er in seinem geistigen Materialismus auch Worte als abgespaltene Einheiten des Klangs. So wie sich der konsumierende Materiemensch mit Kleidung schmückt, die seinem momentanen Modeempfinden entspricht, so kann er sich auch mit Worten und Konzepten behängen, kann sich eine Persona zurechtschneidern, kann sich Verhaltensweisen zulegen, die der so präferierten Rolle entsprechen und kann von seinem Umfeld und seiner Bezugsgruppe Bestätigung in diesem Rollenspiel einfordern, dem keine tiefere Bedeutung als lediglich die persönliche Lust eines einzelnen, zufällig mit Bewusstsein und Emotionen ausgestatteten Materieklumpens beikommt. Persona und individuelle Philosophie (oder was man dafür halten möchte) als kreative Selbstdarstellung eines zufällig bewussten und (mehr oder weniger) denkenden Erdkrümels, der unablässig Identitäten, Geschichten und Objekte erfindet, die er für wahrhaft existierend hält.

Demgegenüber richten Tantra und andere alte spirituelle Systeme den Fokus auf den Himmelsraum. In der Ausdehnung des Raumes formieren sich die Elemente zu immer neuen Formen und Wirklichkeiten. Der Raum selbst ist vollständig erwachtes Gewahrsein und strahlendes, ungehindertes Bewusstsein – der absolute Buddha. Und auch in den schamanischen Traditionen ist der Raum selbst ein höheres Wesen. Den Menschen, die nur einen Daseinsbereich empfindender Wesen in einem unermesslichen weiten Geflecht verschiedener, miteinander interagierender Daseinsbereiche in dieser dynamischen Welt bevölkern, Praxisebenen geschickter Mittel unterschiedliche Möglichkeiten der Hilfe und Entwicklung.

Schamanische Praktiken zielen darauf ab, Ordnung in dem zu schaffen, was den Raum füllt, und das zu beherrschen, was im Raum aufsteigt und sich auf uns Menschen auswirkt. Der Schamane lernt, mit unsichtbaren Kräften in Verbindung zu treten, sie zu lenken und sich gegebenenfalls dagegen zu verteidigen. Der Pfad der Sutras hingegen beruht auf Entsagung. Man ist der Dinge überdrüssig, die sich im Raum angesammelt haben und der oder die Praktizierende konzentriert sich darauf, das Negative auszusortieren und die Anhaftung an das Ich oder Selbst zu überwinden, aus der soviel Leid resultiert. Die Geistesgifte Gier, Hass und Unwissenheit sollen langsam bereinigt und positive Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Vertrauen, Gleichmut, innerer Frieden und Weisheit hervorgebracht und kultiviert werden.

Sati: Hat denn Tantra dann auch nur im Entferntesten was mit Sex zu tun? Ich meine, woher kommt denn diese sehr verbreitete Vorstellung und wie lässt sich das mit dem Prinzip der Entsagung vereinbaren?

Uhanek: Die Tantriker sortieren nichts aus, sondern nehmen das, was da ist, und verwandeln es in Schönheit, in heilige Ornamente, die den Raum verzieren. Die gewöhnliche Welt wird in den reinen Mandalapalast einer Buddha-Gottheit transformiert. Alle Erscheinungen bilden den Körper der Gottheit, alle Klänge sind der Klang heiliger Mantras und alle Sinneswahrnehmungen sind reine Glückseligkeit. Die kleine, beengte, von Ängsten, Unglück und Ärger gequälte wahnhafte Identität wird transformiert in die Erfahrung von Grenzenlosigkeit, Größe, Stabilität, Freude und Gelassenheit. Tantra arbeitet mit der Energie des Individuums mit Hilfe von komplexen Visualisationen einer ungeheuer reichen Symbolsprache und Bilderwelt, mit Meditationen in Bewegung (Ritualen), verschiedenen Yogas etc. Grundsätzlich können alle Bereiche des alltäglichen Lebens in den Pfad integriert werden --- allerdings ohne Anhaftung. So gibt es auch Meditationen, in denen der sexuelle Höhepunkt auf dem Pfad genutzt wird. Wie wir alle sehr gut wissen, ist natürlich der sexuelle Höhepunkt eine sehr angenehme Erfahrung, deshalb haften wir daran an, d.h. wir wollen mehr. In dem Fall haben wir dann ganz gewöhnlichen Sex, völlig egal, in was für blumige Worte wir das Ganze hinterher verklären. Die Integration von Sexualität im tantrischen Sinn kann nur erfolgen, wenn ihr eine tiefe und stabile Erfahrung der Leerheit vorangeht. Derlei Praktiken sind einfach sehr weit entfernt von dem im Westen zu diesem Thema verbreiteten Unsinn und sie bilden nur eine von vielen verschiedenen Methoden, d.h. innerhalb der tantrischen Traditionen kommt ihnen insgesamt nicht die Bedeutung zu, die man ihnen auf dem westlichen Esoterikmarkt beimisst. Ganz zu schweigen davon, dass es sich um diffizile Methoden für Praktizierende mit tiefer Meditationserfahrung und Selbstkontrolle handelt.

Sati: Also kann man ja als Tantriker im Grunde ein ganz normales (westliches) Leben führen. Danke, jetzt bin ich wirklich viel schlauer als vorher! Und wenn nochmal einer versucht mich mit Pseudo-Tantra-Geschwafel in den nächsten Swingerclub zu zerren, kann ich dem ja mal erklären, was Tantra wirklich ist...

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