Mystik als Weg zum Absoluten - ein kurzer Vergleich

© Oliver Ohanecian

Vergleicht man Beschreibungen der mystischen Erfahrung aus allen Teilen der Welt, so zeigt sich als gemeinsames Hauptelement die Erfahrungsdimension der Totalität, d.h. eine spirituell kompetente Person verläßt den Bereich gläubiger Religiosität und gelangt in einen Bereich lebendiger Erfahrung, der mit Begriffen der angestammten Religion umschrieben wird.

Als eine der augenfälligsten Gemeinsamkeiten in allen Formen der Mystik tritt die Überwindung des abgrenzenden Ego und der daraus resultierenden Verschmelzung mit der Totalität oder vielleicht besser: dem Absoluten, das als hinter den Erscheinungen ruhend und als ihre wahre Natur begriffen wird, hervor. Die gewöhnliche Lebenswelt erscheint als ein Prozeß der konzeptuellen Zersplitterung, der von diesem Absoluten wegführt. Der Weg der Mystik macht mit unterschiedlichen Methoden diesen Prozeß wieder rückgängig. Ein chassidischer Ausspruch hierzu scheint in seiner Parallelität zur buddhistischen Leerheitslehre auf eine gleichartige Erfahrung zu verweisen:

"Die Schöpfung des Himmels und der Erde ist die Entfaltung des Etwas aus dem Nichts, das Hinabsteigen des Oberen in das Untere. Aber die Heiligen, die sich vom Sein ablösen und Gott immerdar anhängen, die sehen und erfassen ihn in Wahrheit, als wäre das Nichts wie vor der Schöpfung. Sie wandeln das Etwas in das Nichts zurück. Und dies ist das Wunderbarere: das Untere emporbringen. Wie es geschrieben steht in der Gemara: 'Größer ist das letzte Wunder als das erste'."1

So gelangt der Mystiker aus der Welt der Zersplitterung in einen nichtdualen Bereich jenseits aller Konzepte. Entsprechend liegt es in der Natur dieses Zustandes, dass er sprachlich nicht ausdrückbar ist. Lediglich durch die Negation, die Metapher und das Paradox läßt er sich annäherungsweise umschreiben.

Das Absolute also ist nicht unmittelbar ausdrückbar. In der christlichen Schrift "Die göttlichen Namen"2 ist Gott das Allumfassende und dadurch Unaussprechlich-Geheime. Lediglich über eine Deutung der in der Bibel ausgeführten Namen Gottes lassen sich Aussagen über ihn machen und besonders begnadeten Menschen wird die Schau seines Abglanzes zuteil. Gott ist das, was jenseits jeder Grenze und außerhalb aller Gegensätze liegt. Er steht über allem denkbaren und ist der Urgrund allen Seins. Sein Wesen ist für den Menschen unfaßbar und unbegreiflich. Er ist der Allherrscher, der Alte der Tage, Äonen und Zeiten, also das, was sich jenseits aller zeitlichen Ausdehnung befindet. Er ist der Friede, der das Universum zusammenhält. Er ist Macht, die vor und jenseits aller Macht, Übermacht und Macht an sich ist. Er ist Gerechtigkeit, Heil und Erlösung. Er ist das Große, das Kleine, der Ruhende, der Bewegte und der Immergleiche. Er ist der Heilige der Heiligen, d.h. das makellos Reine. Als Inbegriff aller Befehlsgewalt und Herrschermacht ist er der König der Könige und der Herr der Herren. Seine Eigenschaft des allumfassenden und allüberragenden macht ihn zum Gott der Götter. Schließlich ist er als das Unerschaffene und Ewigerschaffende das Vollkommene und als Ursache von allem ist er das Eine.3

Der mystische Weg besteht nun darin, dass sich der Mensch zunächst der Symbole bedient, um nach seinen Möglichkeiten zur Gotteserkenntnis zu gelangen. Von den Symbolen ausgehend kann er sich langsam stufenweise zu immer höherer Schau erheben, wobei er alle Versuche der Rationalisierung beenden muss4, denn die Wesenszüge Gottes sind, wie oben gezeigt, tiefgründige Wirklichkeiten, die letztlich mit Worten nicht mitteilbar sind. Mystische Gotteserkenntnis wird also nicht auf intellektuellem Wege erlangt, wenngleich auch der Intellekt ein Werkzeug auf dem Weg zu dieser Erfahrung darstellt. Der Mystiker muss bereit sein, sich außerhalb alles Erschaffenen zu stellen, d.h. über die verschlungene Dynamik der Erscheinungswelt und ihrer Formen hinauszugehen oder eine innere Distanz dazu zu gewinnen, um das unerschaffene Licht zu schauen, d.h. in die Dunkelheit Gottes einzudringen, die heller ist, als jedes Licht5.

Gerade diese paradoxe Licht-Dunkel-Symbolik, die das Licht des Absoluten in seiner Unerkennbarkeit für das dualistisch Begrenzte als Dunkelheit oder Finsternis beschreibt, findet interessante Parallelen in anderen Systemen der Mystik. So etwa auch in einem Kommentar zum kabbalistischen Buch Bahir von Rabbi Isaak von Akko (ca. 1310):

"Es gibt eine Finsternis, die nicht Finsternis an sich, sondern von uns aus ist, und das ist das große Licht, das allem Leuchtenden leuchtet und Finsternis heißt, weil es unerfaßbar ist; denn alles Unerfaßbare ist für den, der es nicht erfassen kann, 'Finsternis', wäre es auch ein leuchtendes Licht."6

Dunkelheit im Sinne der Mystik ist also eine Dunkelheit des Nicht-Wissens oder Nicht-Erkennens. Die Natur Gottes ist gleißendes Licht und die Natur der Welt ist Gott. Dementsprechend ist das Böse nicht etwa einfach nur gleichzusetzen mit der Finsternis, sondern vielmehr ist es das, was die Dinge aus ihrer Einheit mit Gott isoliert7. Aus der verblendeten Sicht des Egos entsteht die Illusion von Getrenntheit. In den Worten der Chassidim:

"Wer eine Frau sehr begehrt und ihre buntfarbnen Gewänder betrachtet, dessen Sinn geht nicht auf das Prunkzeug und die Farben, sondern auf die Herrlichkeit der begehrten Frau, die in sie gehüllt ist. Aber die Andern sehen nur die Gewänder und nichts mehr. So schaut, wer Gott in Wahrheit begehrt und empfängt, in allen Dingen der Welt nur die Kraft und den Stolz des Bildners des Urbeginns, der in den Dingen lebt. Wer aber nicht auf dieser Stufe ist, sieht die Dinge von Gott getrennt."8

Nicht-Wissen ist der Zustand des Egos, Mystik ist die Beendigung des Egos. Das Ego ist in seiner Abspaltung die Ursache leidhafter Zustände, deren größter der der Abspaltung selber ist. Meister Eckhart spricht hierbei vom Eigenwillen:

"Weißt du´s auch nicht oder dünkt es dich auch nicht so: niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Eigenwillen kommt, ob man´s nun merke oder nicht. Was wir da meinen, der Mensch solle dieses fliehen und jenes suchen, etwa diese Stätten und diese Leute und diese Weisen oder diesen Vorsatz oder diese Bestätigung - nicht das ist schuld, dass dich die Weise oder die Dinge hindern: du bist es (vielmehr) selbst in den Dingen, was dich hindert, denn du verhältst dich verkehrt zu den Dingen."9

Erst indem der Mensch das Ego beendet, kann er zu seiner wahren Natur und somit auch zu Gott gelangen, denn alles wird in ihm zu Gott:

"Fürwahr, ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. Läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er auch dann behält, sei´s Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen."10

Wer den falschen Zustand ablegt, der findet Gott in sich. Wer ihn aber außerhalb sucht, "sei´s in Werken oder unter den Leuten oder an Stätten, der hat Gott nicht"11. In der islamischen Mystik sagt daher Maulana Jalaluddin Rumi (1207 - 1273): "Ich fand Gott in meinem Herzen"12 und von al-Hallaj (ca. 858 - 922) ist der Ausspruch überliefert:

"Zwischen mir und Dir (Gott) gibt es eine Ichhaftigkeit, die mich bedrängt. So hebe mit Deiner Ichhaftigkeit meine Ichhaftigkeit auf und beseitige die Trennung!"

Das Grundschema aller Mystik scheint also im Wesentlichen zu sein: Die Aufgabe des Ego mit seinen Bindungen und Konditionierungen; das Erreichen von Gleichmütigkeit; das Erreichen eines als glückhaft empfundenen Zustandes inneren Friedens; die Vereinigung von Subjekt und Objekt; schließlich das Erreichen eines höchsten Zustandes, der mit der menschlichen Sprache nicht mehr beschreibbar ist13, d.h. das Erreichen der Erfahrungsdimension der Totalität.

1Buber, Martin: Ekstatische Konfessionen. Darmstadt 1985: 222
2In dieser mystischen Schrift wird eine Lehre über das Wesen Gottes ausgebreitet, die von den biblischen Bezeichnungen Gottes ausgeht. Bock, Eleonore: Die Mystik in den Religionen der Welt. Zürich 1993: 394.
3Bock 1993: 394 - 400
4Bock 1993: 394 - 395
5Bock 1993: 402
6Scholem, Gerhard: Das Buch Bahir. Darmstadt 1989: 2
7vgl. hierzu auch Scholem, Gerschom: Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Frankfurt a.M. 1977: 63
8Buber 1985: 221
9Zit. in: Becher, Gerd/ Elmar Teltow: Vom Frieden der Seele. München 1996: 147 - 148
10Zit. in: Becher/Teltow 1996: 148
11Zit. in: Becher Teltow 1996: 150
12Zit. in: Bock 1993: 317
13vgl: Bock 1993: 16 - 20

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