Traditionelle Tibetische Medizin (TTM)

© Oliver Ohanecian

Ein kurzer geschichtlicher Überblick

Die traditionelle tibetische Medizin (TTM) gehört zu den großen, alten Medizinsystemen Asiens, neben der traditionellen chinesischen Medizin und dem indischen Ayurveda. Sie ist ein einzigartiges Heilsystem und eine der ältesten noch lebendigen Heiltraditionen der Welt. Die Wurzeln dieses Heilsystems reichen weit zurück in Tibets vorbuddhistische Geschichte und den Schamanismus des sogenannten alten Bön .

Der tibetische Terminus Bön bedeutet „rezitieren von Mantras“ und wurde in alten Texten auch durch das Verb gyer ersetzt, was als „anrufen“ übersetzt wird. Die im Bön überlieferten Medizinlehren befassen sich neben Kräutern, Astrologie u.ä. auch mit ritualistischen Heilungen, in denen der Heiler zwischen Götter- und Dämonenwelten und dem Kranken vermittelt, um so eine verloren gegangene Harmonie wieder herzustellen. Dabei spielt die Anwendung von Mantras eine wichtige Rolle. Mantras gelten als Aspekte der Wirklichkeit in Form von Klang und dienen der Austreibung von Krankheiten und Negativitäten, wie auch dem Vorgehen gegen jene, die solche Krankheiten hervorrufen. Vor allem den Anhängern des Bön, den Bönpos, und den Angehörigen der alten Schule des tibetischen Buddhismus, den Nyingmapas, sagt man bis heute den intensiven Gebrauch von Mantras nach. Als im Jahre 1717 unserer Zeit die Stämme der Zungar-Mongolen in Tibet einfielen, mussten daher Tibeter bei Treffen mit den mongolischen Anführern ihre Zungen herausstrecken. Sie mussten auf diese Weise demonstrieren, dass sie weder Bönpos waren, noch Nyingmapas, deren Zungen sich, so glaubte man, durch das unablässige Rezitieren von Mantras schwarz oder dunkelbraun färbten.

Für die Zeit des alten Bön wird von einer Vielzahl ritueller Praktiken berichtet, etwa das Dü Bön, bei dem man sich die Kräfte von Dämonen (Dü) nutzbar machen wollte, das Tsän Bön, der Kult der Tsän (eine Klasse schädlicher Wesen), oder auch verschiedene andere Kultformen, die sich der Praxis der Tieropfer bedienten. Zu irgendeinem Zeitpunkt – Bön-Quellen sprechen von 15 000 Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung, während Historiker auf etwa 2000 oder ca. 500 v.Chr. datieren - der tibetischen Geschichte erfolgte durch den erleuchteten Lehrer Shenrab Miwo im antiken Reich Zhang Zhung die Lehre eines erneuerten Bön. Der von ihm reformierte und systematisierte Bön wird als Yungdrung Bön bezeichnet. Yungdrung bedeutet Swastika, das Hakenkreuz, das etwas Ewiges und Unzerstörbares repräsentiert, dementsprechend ist auch vom Ewigen Bön die Rede. Shenrab Miwo wird als erleuchteter Buddha bezeichnet, der den Menschen mit dem Yungdrung Bön ein umfassendes System zur Schulung von Ethik und Weisheit vermachte . Grausame Opfer wurden dort durch Substitutionsriten ersetzt und die Praxis auf die Basis einer ethisch-philosophischen Ausbildung gestellt. Dieser Bön ähnelt sehr stark der alten Schule des tibetischen Buddhismus, Nyingma, weshalb heutzutage bisweilen auch von einem Bön-Buddhismus die Rede ist. Tatsächlich fand zwischen der Nyingma-Schule und dem Bön durch die Jahrhunderte ein reger Austausch statt, woraus im 14. Jahrhundert der sogenannte Neue Bön hervorging, der eine Synthese zwischen den Nyingma- und Bön-Lehren darstellt.

Die Bönpos kannten die medizinischen Kräfte des Heilpflanzenschatzes der tibetischen Hochebene, ein systematisiertes medizinisches Wissen scheint aber nur ansatzweise existiert zu haben. Medizinische Böntexte, die nach der Einführung des Buddhismus verfasst wurden, weisen bereits einen ayurvedischen Einfluss auf. Das Standardwerk des medizinischen Wissens der Bön-Überlieferung, ein Werk mit dem Titel „Die 400 000 Wege der Heilkunst“, wird zurückgeführt auf den Sohn Shenrab Miwos. 1993 wurden im Westen Tibets in der Region Ngari, der Gegend, in der das antike Reich Zhang Zhung lag, Steine mit Gravuren einiger Worte der Zhang Zhung-Sprache gefunden. Dies könnte darauf hindeuten, dass in dieser Region tatsächlich bereits in vorchristlicher Zeit eine Schriftsprache existierte .

Ab dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gab es historischen Berichten zufolge einen Austausch zwischen indischen und tibetischen Ärzten. Die Übermittlung des Heilwissens geschah ursprünglich innerhalb einer Familienlinie, in der Regel vom Vater auf den Sohn. Die erste dieser Familientraditionen von Ärzten wurde zwischen dem 2. und dem 5. Jahrhundert gegründet .

Einen absoluten Wendepunkt in der Geschichte und Kultur Tibets stellte die Einführung des Buddhismus dar. Sie wurde im 7. Jahrhundert unter der Herrschaft des 32. Königs Songtsen Gampo (617 - 650) eingeleitet, der das erste und letzte tibetische Großreich gegründet hatte. Songtsen Gampo war mit zwei Frauen verheiratet, einer nepalesischen und einer chinesischen Prinzessin, beide Buddhistinnen. Er konvertierte zum Buddhismus und ließ den ersten buddhistischen Tempel errichten. Unter seiner Ägide setzte ein reger Austausch der Kulturen zwischen Tibet, Indien und China ein. Zu dieser Zeit wurde durch den Gelehrten Thomi Sambhota eine tibetische Schriftsprache entwickelt und der indische Arzt Dharmakosha übersetzte gemeinsam mit dem chinesischen Arzt Hashang Mahadeva medizinische Texte ins Tibetische. Ein für die weitere Entwicklung der tibetischen Medizin sehr wichtiges Ereignis war zudem das Treffen der drei großen Ärzte Bara Datsa aus Indien, Hen Wong Hong aus China und Galeno aus Persien. Sie fassten ihre Erfahrungen unter dem Titel „Die Waffe der Unbesiegbarkeit“ zusammen, ein Werk, das leider im Laufe der Zeit verloren ging. Galenos Name legt nahe, dass er die altgriechisch-persische Medizin verkörperte, die durch ihn nach Tibet gelangte. Galeno blieb als Leibarzt des Königs in Tibet und gründete eine große Familiendynastie der tibetischen Medizingeschichte mit dem Namen „Tsoru“ .

Auch unter dem 37. König Me Ok-Tsom (698 – 755) wurden Ärzte aus Indien, Persien und China nach Tibet eingeladen. Aus ihrer Zusammenarbeit mit dem bedeutenden tibetischen Arzt Chunpo Tsitsi entstand ein medizinisches Werk mit dem Namen Soma Ratsa (Mond König). Auch in diesem Fall wurde durch den Persischen Arzt eine Familienlinie gegründet, die als „Bichi-Linie“ bekannt ist .

Unter der Herrschaft des 38. Königs Trisong Detsen (742 – 796) wurde der Buddhismus Staatsreligion. Der König lud den tantrischen Meister Padmasambhava nach Tibet ein, durch dessen Wirken sich der Vajrayana-Buddhismus durchsetzte. Padmasambhava war berühmt für seine Meisterschaft aller tantrischen Disziplinen, darunter auch die tantrische Medizin, und wird als zweiter Buddha verehrt . Unter anderem verfasste er auch medizinische Texte, die in Tibet aufbewahrt wurden, und gab Prophezeiungen über künftige neue Krankheiten und mit welchen Mitteln und Meditationen sie geheilt oder verhindert werden könnten. Diese Unterweisungen versteckte er dann zum Wohle zukünftiger Generationen an unterschiedlichen Orten, wo sie bei Bedarf und zu ihrer Zeit von geeigneten „Schatzfindern“ (tib. Terton) hervorgeholt werden sollten. Diese Tradition der kurzen Linie der Lehrübermittlung von Padmasambhava auf Schüler in späteren Jahrhunderten wird als Terma bezeichnet, im Gegensatz zu Kama, der kontinuierlichen Lehrüberlieferung vom Lehrer auf den Schüler durch die Jahrhunderte hinweg . Die Schatztexte bilden insbesondere in der Nyingma-Schule eine eigene Literaturgattung. Padmasambhava verankerte den Buddhismus in Tibet, erbaute Tibets erstes Kloster, weihte den König und andere in die tantrischen Lehren ein und prophezeite, dass der Buddhadharma nach Jahrhunderten der Blüte in Tibet schließlich nach Westen gelangen würde .

Im Jahr 762 wurde die erste medizinische Hochschule gegründet. Ihre Leitung oblag Vairocana, einem berühmten Übersetzer und Schüler Padmasambhavas. Die Hochschule wurde an der Grenze der osttibetischen Region Kham errichtet und nach ihrer Eröffnung durchliefen zunächst dreihundert Studenten das zehnjährige Studium. Nach Abschluss des ersten Lehrzyklus begann der zweite bereits mit tausend Studenten. In der Folge wurde die Hochschule zu einem Zentrum für Forschung und Studium. Und aufgrund der königlichen Vorliebe für Pferde wurde auch eine Veterinärmedizin eingeführt. Vermutlich erfolgte zu dieser Zeit eine Integration der medizinischen Bön-Lehren durch Vairocana in Zusammenarbeit mit dem tibetischen Arzt Yuthok Yönten Gonpo dem Älteren .

Yuthok Yönten Gonpo war der erste in der Liste der Arzt-Heiligen Tibets. Etwa 762 berief der König eine Art internationale Konferenz über tibetische Medizin ein, zu der neun Ärzte aus China, der Mongolei, Nepal, Turkistan, Persien, Indien, Kaschmir, Sinkiang und Afghanistan eingeladen wurden. Yuthok nahm als Vertreter Tibets an dieser Konferenz teil. Alle Ärzte übersetzten Texte aus ihren jeweiligen Traditionen und es gab einen Disput, aus dem, der tibetischen Überlieferung zufolge, Yuthok als Sieger hervorging. Um das tibetische System mit dem indischen zu vergleichen, reiste er dreimal nach Indien und besuchte die Zentren der buddhistischen Gelehrsamkeit, wie die Klosteruniversität Nalanda. Er wird auch mit dem wichtigsten Text der tibetischen Medizingeschichte in Verbindung gebracht, den Vier Tantras der Medizin, auf tibetisch Gyüshi. Seine genaue Rolle in Bezug auf diesen Text ist unklar. Er soll ein Sanskrit-Original dieses Tantras studiert, es dann übersetzt und kommentiert haben. Das Gyüshi wurde dann in einer der Säulen des Samye-Klosters verborgen, damit es von einem späteren geeigneten Menschen wieder entdeckt werden konnte und so der Menschheit erhalten blieb. Somit ist dieser wichtigste Medizin-Text der Termatradition zuzurechen .

Im zwölften Jahrhundert lebte Yuthok Yönten Gonpo der Jüngere. Er war ein Nachkomme Yuthok des Älteren und von ähnlich herausragender Bedeutung für die tibetische Medizingeschichte, wie sein Vorgänger. Zu der Zeit seines Wirkens war das Gyüshi bereits im Kloster Samye wieder aufgefunden worden, so dass er mit dessen Lehren vertraut war. Sechsmal reiste er außerdem nach Indien, einmal sogar nach Ceylon, um die dortigen Versionen des Gyüshi kennen zu lernen und zu vergleichen. Anschließend schrieb er eine Neufassung und einen Kommentar mit dem Titel „Die achtzehn zusätzlichen Hilfsmittel“, der gleichzeitig eine Einführung in die Geschichte der Medizin war. Seine Bearbeitung des Gyüshi blieb die Standartfassung dieses Textes .

Im 14. Jahrhundert gab es zwei berühmte Ärzte, die schrieben und lehrten. Jangpa und Zurkarpa wurden die Begründer zweier konkurrierender medizinischer Systeme, bekannt als Janglu und Zurlu. Im 17. Jahrhundert machten sich in diesen Systemen Verfallserscheinungen bemerkbar, weshalb der 5. Dalai Lama die Gründung einer neuen Hochschule verfügte. So erfolgte auf dem so genannten Eisenberg bei Lhasa der Aufbau der Chagpori-Hochschule. 1754 folgte die Gründung der Palpung-Hochschule, an der die Fünf Zweige des Wissens gelehrt wurden, nämlich Astrologie, Medizin, Mathematik, Poesie und Linguistik. Palpung avancierte schnell zu einer der führenden Hochschulen Tibets .

Der 13. Dalai Lama gründete 1916 eine weitere Hochschule in der Hauptstadt Lhasa, den Men-Tsee-Khang. Nach der Flucht des 14. Dalai Lama ins indische Exil wurde der Men-Tsee-Khang als ein „Tibetisches Institut für Medizin und Astrologie“ im nordindischen Sitz der Exil-Regierung, Dharamsala, neu errichtet. Das Institut bildet heutzutage Ärzte aus, hat ein angegliedertes Hospital und stellt die traditionellen Arzneimischungen her .

Das ehrwürdige Chagpori-Institut wurde in Darjeeling unter der Leitung des Lamas und Arztes Dr. Trogawa Rinpoche neu gegründet und bildet heute ebenfalls wieder Ärzte aus.

Seit wenigen Jahren existiert auch eine internationale Akademie für traditionelle tibetische Medizin, die von dem jungen Arzt Dr. Nida Chenagtsang gegründet wurde und in mehreren europäischen Ländern, Kanada, Australien, der Mongolei und auch in Tibet selbst eine Ausbildung in Teilaspekten oder auch der vollständigen traditionellen Medizin anbietet. Diese Möglichkeit wird vorwiegend von Ärzten und Heilpraktikern wahrgenommen .


Der mythische Hintergrund

Der buddhistischen Überlieferung zufolge liegt, unabhängig von historischen Entwicklungen und Persönlichkeiten, der eigentliche Ursprung allen Heilwissens im Buddha selbst. Heil und Heilung sind in der tibetischen Medizin aufs Engste miteinander verwoben. Der buddhistischen Legende zufolge liegt der Ort der Offenbarung allen Heilwissens in Tanatuk, dem Paradies der Heilung. Dort erschien der historische Buddha Shakyamuni in Gestalt des Vaidurya, des dunkelblau strahlenden heilenden Buddhas, um das Wissen vom Heilen darzulegen. Er manifestierte dort zwei Emanationen, nämlich den Geist des heilenden Buddhas, den Weisen Rigpai Yeshe, und den Weisen Yile Kye, die Verkörperung der Rede des heilenden Buddhas. Die im Tantra der Heilung, dem Gyüshi, aufgezeichnete Lehre über die Ursachen und Behandlungsweisen von Krankheiten ist gekleidet in die Form eines langen Dialoges zwischen diesen Emanationen des Buddhas .

Unter den Zuhörern befanden sich Gottheiten, Rishis , Buddhisten und Nicht-Buddhisten. Sie alle verstanden so viel, wie es ihrem jeweiligen Fassungsvermögen entsprach, und verfassten dementsprechende verschiedene Abhandlungen über das, was sie gehört hatten. Allein Yile Kye verstand alles und schrieb die vollständige Lehre vom Heilen in 5900 Versen mit einer Tusche aus Lapislazuli auf Blättern nieder, die aus reinem Gold bestanden. Diese Schrift wurde dann von den Dakinis im mythischen Land aufbewahrt und gehütet .


Gyüshi – die vier Tantras der Medizin

Die Vier Tantras, das Gyüshi, gelten als Essenz der tibetischen Medizin . Es heißt, sie enthalten in verdichteter Form das gesamte medizinische Wissen Tibets und haben ihren Ursprung im Buddha selbst. Somit ist das Gyüshi mehr, als einfach nur ein Lehrtext über das Heilen. Vielmehr haben die Vier Tantras und die Fähigkeit des Heilens eine zutiefst sakrale Qualität und sind im Heil verankert. Heilung strebt in letzter Konsequenz mehr an, als lediglich die Beseitigung von Krankheitssymptomen. Der größte Arzt ist der Buddha selbst, daher liegt Heilung im höchsten Sinne in der Erlangung des Zustandes der Buddhaschaft.



1. Das Grund- oder Wurzeltantra
Im Wurzeltantra werden die Bestandteile des Körpers und der kranke Körper in Gestalt eines Baumes dargestellt. Aus der Wurzel gehen zwei Stämme hervor, der Stamm des gesunden Körpers und der Stamm des kranken Körpers. Dem Stamm des gesunden Körpers sind drei Zweige zugeordnet:
1. die Körpersäfte (Energien)
2. die Grundstoffe, aus denen der Körper besteht
3. die Ausscheidungen

Aus dem Stamm des kranken Körpers gehen neun Zweige hervor:
1. die Ursachen von Krankheit
2. Bedingungen für Krankheit
3. Einfallstore von Krankheit
4. die Orte, an denen sich Krankheiten manifestieren (Körperteile)
5. die Zirkulationswege
6. das Entstehen von Krankheiten
7. die tödlichen Wirkungen
8. die Nebenwirkungen
9. eine Zusammenfassung

Die Krankheiten werden im Wurzeltantra in vier Gruppen geordnet:
1. Kinderkrankheiten
2. Krankheiten der Erwachsenen
3. Frauenkrankheiten
4. Alterskrankheiten

Außerdem beschreibt es die Organe des Körpers und stellt die Lehre der drei Körpersäfte, die Diagnosemethoden und die allgemeinen Behandlungsgrundlagen dar.

2. Das erklärende Tantra
Der zweite Teil des Gyüshi besteht aus 31 Kapiteln, die nacheinander die Phasen des menschlichen Lebens beschreiben: Geburt, Entwicklung, Reifung, Altern, Tod und Wiedergeburt. Das Leben wird unterteilt in drei große Abschnitte: Von der Geburt bis zum 16. Lebensjahr, von 16-50, von 50 bis zu Alter und Tod. Es enthält:
- Embryologie (mit Empfängnis und Schwangerschaft)
- Anatomie und Physiologie
- Erläuterungen zur Rolle der drei Körpersäfte
- die 2000 Heilmittel, die das Gleichgewicht wieder herstellen können
- Diät, Menge und Art der Nahrung, sowie zu vermeidende Speisen.

Krankheiten werden unterteilt in Geisteskrankheiten und somatische Erkrankungen, geordnet nach ihrem Sitz. Es werden auch Krankheiten durch Vergiftungen erörtert, sowie Umweltkrankheiten . Außerdem ist ein Kapitel über Sexual- und Körperhygiene enthalten, sowie eines über ethische Normen.

3. Das Tantra der mündlichen Tradition
Der dritte Teil besteht aus 52 Kapiteln, in denen alle bekannten Krankheiten nach ihrer Beziehung zum Ungleichgewicht der drei Säfte behandelt werden. Es ist unterteilt in:
- Ätiologie
- Pathologie
- Therapie
- Analyse der Krankheit in Bezug auf geschichtliche Epochen

Außerdem werden in einem eigenen Kapitel die Beziehungen der tibetischen Medizin zum Buddhismus geschildert.

4. Das Folge-Tantra
Das vierte Tantra ist ausführlich den therapeutischen Methoden gewidmet:
- Urin-Diagnose
- Puls-Diagnose
- Chinesische Techniken: Moxa, Akupunktur
- Methoden der Entfernung von Giften (z.B. Erbrechen)
- Verschiedene Methoden: - einfache (Umschläge, warme und kalte Kompressen)
- drastische (Chirurgie und Aderlass)
- Auf- und Zubereitung der Heilmittel

Darüber hinaus werden elf Grundprinzipien aufgelistet:
1. Synthese der Grundelemente
2. Existenz des Körpers und seine Umwandlungen
3. Entstehen und Abklingen von Krankheiten
4. Verhalten
5. Ernährung
6. Heilmittelpräparate
7. Gebrauch der medizinischen Instrumente
8. Immunität gegen normale Krankheiten
9. Diagnose
10. Heilmethoden
11. Verhalten des Arztes


Das Yuthok Nyingthig

Das Idealbild eines Arztes ist in Yuthok dem Jüngeren dargestellt. Der Begriff „Arzt“ ist hierbei nicht allein eine Berufsbezeichnung, sondern hat außerdem eine tiefgehende spirituelle Bedeutung. Der ideale Arzt beseitigt nicht allein die Symptome einer Krankheit, sondern er ist eine Verkörperung des Heiligen, eine Emanation des Buddhas . So repräsentiert Yuthok Yönten Gonpo der Jüngere die spirituelle Dimension der tibetischen Medizin. Auf ihn werden „zwei Juwelen“ zurückgeführt, nämlich die revidierte Fassung des Gyüshi und das Yuthok Nyingthig, eine wichtige Sammlung spiritueller Praktiken für Ärzte und Heilkundige der traditionellen tibetischen Medizin. Die wörtliche Bedeutung von Yuthok Nyingthig ist „Die Herzessenz [der Lehren] von Yuthok“. Das Ziel der in diesem Zyklus gesammelten spirituellen Praktiken besteht darin, die Praktizierenden zu einer Erfahrung der Einheit von Medizin und Spiritualität zu führen. Diese Erfahrung gipfelt in der Verwirklichung einer harmonischen Integration von Körper, Geist und Energie in die subtilste Form der fünf Elemente, aus denen die Erscheinungswelt besteht .

Der so genannte Wurzeltext des Yuthok Nyingthig gilt als die Essenz von Yuthoks spirituellen Lehren. Yuthok sah spirituelle Praktiken, Yoga und Meditation als integralen Bestandteil der Ausbildung eines jeden Arztes. Der Yuthok Nyingthig Wurzeltext enthält :

- Ngondro Praxis - vorbereitende Übungen
- vier Formen des Guru-Yoga mit Yuthok
- ein großes Kapitel über Tibetisches Medizinisches Yantra Yoga (körperliche Übungen)
- fünfzehn Kapitel über Physiologie und Pathologie (einschließlich Störungen der drei Säfte, Infektionskrankheiten, Schmerz, Trauma und Vergiftung)
- ein kompletter Zyklus von Vajrayana Praktiken
- Khyed Rim - Erzeugungsstufe (Praxis der drei Wurzeln )
- Dzog Rim - Vollendungsstufe, d.h. Sechs Yogas, bestehend aus Tummo , Gyulus -, Klares Licht -, Bardo -, Powa - und Traumpraxis
- Dzogchen - Die Praxis der Großen Vollendung
- Man Drub - Heil- und Schutzmantras
- die Praxis der Schützergottheiten des Heilwissens
- Unterweisung in einer speziellen Form der Pulsdiagnose. Hierfür geht der Praktizierende für einen Monat ins Retreat, um Übungen auszuführen, die ihn auf das Lesen des Patientenpulses vorbereiten.
- Die Praxis des Yuthok Nyingthig soll zur Entwicklung spezieller Fähigkeiten der Klarsicht und Hellsichtigkeit, die den Arzt befähigen, ein besserer Heiler zu sein.

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Der ideale Arzt zeichnet sich nach tibetischem Verständnis nicht allein durch seine gründlichen Kenntnisse der medizinischen Lehren und ihrer Anwendungen aus, sondern auch durch eine ausgeprägte Intuition, einen unerschütterlich klaren Geist und eine tiefgründige Erkenntnis, die über das konzeptuelle Bewusstsein und seine intellektuellen Möglichkeiten weit hinausreicht. Er ist Gelehrter, Heiler und Mystiker in einer Person. Ikonographisch wird dies im Bild des Yuthok zum Ausdruck gebracht. Er sitzt auf einem Lotos und einer Mondscheibe. Der Lotos bedeutet Reinheit, der Mond symbolisiert die Methode und das Formhafte. Seine in der Lotosposition überkreuzten Beine zeigen eine ausgeglichene Unerschütterlichkeit. Sein Kopf ist mit medizinischen Pflanzen geschmückt. Seine rechte Hand hält in der Geste höchsten Gebens, ruhend auf dem rechten Knie, was Aktivität symbolisiert, einen Lotos, auf dem sich ein Buch und ein Weisheitsschwert befinden. Dies kennzeichnet den vollkommenen Arzt als eine Person von großer Gelehrsamkeit und gut ausgebildetem Intellekt. Gleichzeitig hält er mit der linken Hand einen Lotos, der seinem Herzen entspringt. Auf ihm befinden sich eine Langlebensvase und ein Vajra. Die Langlebensvase ist ein Attribut von Amitayus, dem Bodhisattva des langen Lebens, und drückt die Fähigkeit aus, das Leben zu verlängern und die Lebensqualität zu verbessern, sowohl medizinisch, als auch spirituell. Der Vajra symbolisiert das unergründliche, unerschütterliche, unveränderliche, unteilbare und unzerstörbare Sein der absoluten Wahrheit und letzten Wirklichkeit, d.h. die Verwirklichung der Erleuchtung der Buddhaschaft .

Auf diese Gestalt des Arzt-Heiligen wird von den angehenden Ärzten Guru-Yoga geübt. Dabei wird diese Gestalt visualisiert, ihre Bedeutung vergegenwärtigt und ihr Mantra, d.h. Yuthok in Form von Klang, rezitiert. Sind die vollendeten Qualitäten des Arzt-Heiligen auf diese Weise schließlich gegenwärtig, so verschmilzt die Gestalt mit dem Meditierenden, um so ein entsprechendes Potential zur Entfaltung zu bringen: Der Meditierende wird Yuthok.

Einige allgemeine Grundlagen

Die philosophische Basis der tibetischen Medizin bildet die Lehre vom bedingten Entstehen, tibetisch Tendrel, ausformuliert in der Madhyamaka-Philosophie , die auf den indischen Philosophen und buddhistischen Heiligen Nagarjuna zurückgeht. Diese Lehre besagt im wesentlichen, dass die Wesen und Phänomene aus vielerlei Faktoren zusammengesetzt und daher ohne ein Selbst sind. Im Substanzbegriff der weit verbreiteten dualistischen Logik von Sein und Nicht-Sein wird den empirisch erscheinenden Dingen eine Eigennatur unterstellt: Die Erscheinung wird als eigenständig seiende Größe begriffen und beschrieben. Allerdings wird "Sein" in der Philosophie vom abhängigen Entstehen definiert als tatsächlich Eigennatur besitzend, dadurch unabhängig und dadurch ewig, nämlich allen Wechselfällen enthoben. "Nicht-Sein" wird hierbei dann verstanden als Ausdruck von Vernichtung.

Diesen Begriffen von "Sein" und "Nicht-Sein" stehen die empirischen Erscheinungen gegenüber, die durch ihr Entstehen und Vergehen belegen, dass sie in stetem Wandel begriffen sind, mithin also weder "Sein" noch "Nicht-Sein" auf sie zutrifft. So bildet dieses "weder - noch" die zwei weiteren Eckpfeiler dieser Lehre. So gibt es die Eckpunkte "Sein", "Nicht-Sein", "weder Sein", "noch Nicht-Sein", mit deren Hilfe die Erscheinungswelt betrachtet wird. Nach dieser Art der Betrachtung spielt sich die Welt zwischen Sein und Nicht-Sein als ein dynamischer Prozess der Bedingtheiten ab. Die Erscheinungen sind nicht, denn dann wären sie ewig; sie werden auch nicht vernichtet, denn sie besitzen eben keine Eigennatur. Sie sind ohne diese unabhängige Eigennatur, weil sie in all ihren Aspekten zusammengesetzt sind: Dinge bestehen aus Dingen bestehen aus Dingen etc. Sie sind zeitlich befristete Erscheinungen, die von fluktuierenden Daseinsfaktoren hervorgebracht werden. Diese Daseinsfaktoren bringen sich in ständiger Bewegung gegenseitig hervor. Sie werden als Dharmas bezeichnet, die zu fünf Gruppen oder Hauptkategorien gebündelt werden, den so genannten Skandhas.

Welt ist hierbei ein dynamischer Prozess unablässigen Werdens, dem kein Substrat zugrunde liegt. Das bedeutet, dass die Erscheinungen nicht sind, sondern geschehen. Dies tun sie allerdings auch nicht monolinear kausal, d.h. es gibt keine einzige und erste Ursache, sondern konditional, d.h. die einzelnen Daseinsfaktoren sind nicht alleinige Ursache, sondern Bedingung neben an deren Bedingungen.

Der Wahrheitsbegriff erfährt in dieser Sichtweise eine Teilung in relativ und absolut. Relativ sind hierbei die sprachlich fassbaren und kategorisierbaren Wahrheiten der Erscheinungswelt, die sich nach den Regeln der Logik ordnen lassen. Hier besteht ein Gewahrsein für die unzähligen möglichen Sichtweisen, Beschreibungen etc. Die Wahrheit der Naturwissenschaften steht hier gleichwertig neben den Wahrheiten der Künste, Religionen usw., sowie neben all den individuellen relativen Wahrheiten. Die letzte Wirklichkeit jedoch, also die absolute Wahrheit, liegt jenseits all der Formen des relativen Bereiches. Erfahrung der absoluten Wahrheit ist die Erfahrung der Transzendenz und Zeitlosigkeit - des Seins.

Körper-Energie-Geist bilden eine Gesamtheit aus Wirksamkeiten, die nicht getrennt von der sie umgebenden Welt sind. Sie sind zusammengesetzt aus einer Vielzahl verschiedener Phänomene und entstehen und vergehen im Zusammenspiel äußerer und innerer Faktoren. Es gehen gleichermaßen Handlungen von diesem Körper-Geist-System aus, wie auch die wahrgenommenen Dinge zu diesem Zentrum hin orientiert sind. Der innerste Kern des Individuums ist das Zentrum des von ihm wahrgenommenen Universums. Die Gesamtheit der Wirksamkeiten umfasst fünf psychophysische Bestandteile, fünf elementare Kräfte und fünf Sinnesobjekte.

Die psychophysischen Bestandteile sind
- Farbe/Form als erkenntnistheoretisches Objekt in wahrnehmbaren Situationen,
- Gefühlsurteil/Empfindung,
- Unterscheidungsfähigkeit/Begriffsbildung,
- diskursives Denken
- abstrakte Wahrnehmung/Bewusstsein.

Die fünf Elemente sind
- Erde (Festigkeit),
- Wasser (Kohäsion und Fliessen),
- Feuer (Temperatur und Licht),
- Luft (Beweglichkeit und Schnelligkeit)
- Raum (umfassende Weite)

Die fünf Sinnesobjekte sind:
- Farbe
- Klang
- Geruch
- Geschmack
- Struktur

Die individuellen Lebenswelten entstehen durch die Begegnung der Sinne mit ihren jeweiligen Sinnesobjekten. Erhalten werden sie als individuelle Lebenswelten durch wertende Unterscheidung, subjektive Standpunke, latente Neigungen, Wünsche und Emotionen, die aus diesen Faktoren resultieren und ihrerseits wiederum verstärkend auf sie einwirken.

In diesem Zusammenhang ist der Terminus Karma zu betrachten. Wörtlich bedeutet er „Tat“ und wird mit unablässigem Wind und Samenkörnern verglichen. Der buddhistischen Lehre (Dharma) zufolge ist die Vorstellung es gäbe ein „Ich“ im Sinne einer abgegrenzten Person, also ein Selbst bzw. eine Seele, bereits eine grundlegende Illusion über das Wesen der Wirklichkeit. Aus dem Zusammenspiel der Daseinsfaktoren entstehen gleichermaßen die äußere und die innere Welt. So ist das Ich oder Selbst gleichfalls ein Erzeugnis dieses Prozesses. Die Vorstellung eines eigenständig existierenden Selbst bzw. eines ewigen Persönlichkeitskernes im Sinne einer Seele wird daher verneint. Eine Ewigkeit oder Kontinuität wird allein dem subtilen Geist zugeschrieben. Die Gesetzmäßigkeit des bedingten Entstehens ergibt sich aus dem unablässigen Wandel der Welt: Jede Handlung, die aus verblendeten Willensimpulsen hervorgeht, gestaltet demnach die dynamische Welt neu, auf der materiellen wie auch auf den geistigen Ebenen, indem sie Daseinsimpulse setzt, die zu gegebener Zeit unter dem Einfluss sekundärer Ursachen, die ihnen entsprechen, zur Reife gelangen und die erlebten Wirklichkeiten formen .

So ist auch die „Wiedergeburt“ geknüpft an den Karmabegriff. Durch Karma werden die Daseinsfaktoren zu neuen Existenzen, Persönlichkeiten und Lebenswelten zusammengefügt. Dargestellt wird dies im Bild des Bhavachakra, wörtlich das „Rad des Werdens“. Es zeigt in seiner Nabe drei Symboltiere, die die so genannten Geistesgifte Gier, Hass und Unwissenheit repräsentieren: Ein Schwein (Unwissenheit), ein Hahn (Gier) und eine Schlange (Hass). Umgeben ist die Nabe von einem Ring, der in eine schwarze und eine weiße Hälfte unterteilt ist. Er stellt das Karma dar, das aus den Geistesgiften hervorgeht und zu Existenzen in verschiedenen Erlebniswelten und Daseinsbereichen führt. Es werden sechs Daseinsbereiche unterschieden, aus denen der nächste Ring zusammengesetzt ist. Den äußeren Kreis bildet dann die Kette des abhängigen Entstehens, der so genannte Konditionalnexus. Jedes seiner Glieder ist nicht alleinige Ursache (causa), sondern nur eine Bedingung (conditio) neben anderen dafür, dass das nächste Glied entsteht . Gehalten wird das Rad von einer dämonisch anmutenden Gestalt, die exoterisch und esoterisch interpretiert wird. In der exoterischen Deutung gilt die Gestalt als der Herr des Todes . Andererseits trägt sie die fünffache Schädelkrone, was die Überwindung der Ursachen Samsaras zum Ausdruck bringt, und ist auf der Stirn mit einem dritten Weisheitsauge gekennzeichnet. Beides gemeinsam bezeichnet ein überweltliches Wesen. So sehen esoterische Interpretationen in dieser Figur eine Manifestation des erleuchteten Bewusstseins, des Heiligen, das allen Erscheinungen zu Grunde liegt . Dies bedeutet, dass sich das Heilige aus allen Erscheinungen heraus offenbaren kann. Ein Unterschied zwischen heilig und profan, rein und unrein ist dann aufgehoben .

Die sechs Daseinsbereiche des Buddhismus, wie sie im Bhavachakra dargestellt sind, werden gleichermaßen psychologisch und wörtlich verstanden. So kann sich ein gewöhnliches Bewusstsein durch mentale und emotionale Zustände bewegen, die sich den sechs Daseinsbereichen zuordnen lassen. Ein menschliches Bewusstsein, das etwa der Sphäre der Halbgötter entspricht, ist gekennzeichnet durch eine Neigung zu Wettkampf und Neid, während die Sphäre der Hungergeister Geiz und Zustände eines unstillbaren und quälenden Hungers nach Erfahrungen repräsentiert; die Sphäre der Tiere steht für leidhafte Dumpfheit und die Höllen für maßlose Aggression und immer wiederkehrende, unermessliche Qualen. Die Götterwelt dagegen repräsentiert selbstgefälligen und egozentrischen Zustand tiefer Glückseligkeit. Die menschliche Sphäre versinnbildlicht einen Zustand der Begierde, aber auch des Ausgleiches von Extremen.

Neben ihrer psychologischen Bedeutung gelten die Daseinsbereiche jedoch auch als Welten, die parallel zu unserer menschlichen existieren. Und die Bereiche können positiv wie negativ aufeinander einwirken. Je unachtsamer und verblendeter ein Mensch in seinem Handeln ist, desto stärker mögen sich seine Aktivitäten negativ auf andere Daseinsbereiche auswirken. Die dort beheimateten Wesen können dadurch gestört und geschädigt werden, weshalb sie sich wiederum an den Menschen rächen, indem sie Krankheiten, Katastrophen, Kriege und ähnliches verursachen.

Allgemein ist es wichtig, das eigene Handeln unter dem Gesichtspunkt seiner karmischen Auswirkungen zu überdenken. Besonders gilt dies aber für einen Arzt. So heißt es im zweiten Tantra des Gyüshi, im Tantra der Erklärung:

„Eine Person, die Gift genommen hat, wird einen trockenen Mund verspüren, schwitzen, in Furcht erzittern, ruhelos sein und mit Schuld und Besorgnis in alle Richtungen blicken. Hat man Obengenanntes verstanden, dann sollte man sich künftig davor hüten, anderen Schaden zuzufügen.“




Die Ziele der TTM

Die TTM verfolgt zwei Ziele : Vorbeugung und Heilung.
1. Vorbeugung: Krankheit wird verstanden als ein Ungleichgewicht und diesem Zustand soll vorgebeugt werden, denn Vorbeugung hat einen höheren Stellenwert, als Heilung. Daher wird gesagt: „Selbst wenn man nicht krank ist, muss man achtsam sein“ (tib. Minawa neypar che). Vorbeugung erfolgt durch eine gute Lebensführung und eine achtsame Ernährung.
2. Heilung: Wenn es zu einem Ungleichgewicht kommt, so manifestiert sich Krankheit. Aufgabe der Medizin ist es dann, das Gleichgewicht wieder herzustellen, indem sie mit den zugrunde liegenden Ursachen und Wirkungen arbeitet. Dabei gilt das Augenmerk zunächst der Ernährung und Lebensführung des Patienten, die ggf. korrigiert werden. Darauf folgt dann die Behandlung mit Kräuterarzneien und die Anwendung äußerer Therapieformen.

Überblick über die TTM
Traditionell wird die TTM mit einem großen Garten verglichen: ein vollständiges Studium umfasst die 99 Bäume des Wissens. Der Baum ist hierbei ein Bild des Menschen, andererseits handelt es sich um eine Mindmap der medizinischen Lehren. Die Bäume werden gewissermaßen im Gehirn gepflanzt.

Der erste dieser Bäume behandelt den Zustand des Menschen und hat zwei Äste:
1. Der erste Ast beschreibt den gesunden Menschen, bei dem sich Körper, Energie und Geist in einem Zustand der Ausgewogenheit befinden. Grundsätzlich benötigt der Mensch ein energetisches Gleichgewicht. Energie ist die Verbindung zwischen Körper und Geist. Gerät die Energie aus dem Gleichgewicht, so geraten auch Körper und Geist aus dem Gleichgewicht und das führt zu einer Erkrankung. Ein gutes Gleichgewicht hingegen führt zu einem gesunden Körper, einem klaren, stabilen Geist und einem großen Maß an vitaler Energie.
2. Der zweite Ast beschreibt die Ursachen und Arten von Ungleichgewicht. In der TTM werden die negativen Ursachen in zwei Kategorien unterteilt: primär und sekundär. Primäre Ursachen entstehen aus negativen und destruktiven emotionalen Zuständen und Ansichten, wie Wut und Aggression, Lust, ungesundes Anhaften (Begierde) und Ignoranz. Sekundäre Ursachen sind lang anhaltende, sich wiederholende Faktoren wie eine falsche Ernährung und Lebensweise , die Zeit (saisonale Ursachen) und Provokationen

Der zweite Baum ist der Baum der Diagnose und hat drei Äste:
1. Die Begutachtung: Der Patient wird genau beobachtet und aus seinem Verhalten und Aussehen erste Schlüsse gezogen; Urin-Analyse (z.B. Farbe, Dampf, Bläschen, Geruch, Sedimente, Öligkeit etc.).
2. Palpation, die Tastdiagnose: Hierbei werden die verschiedenen Pulse des Patienten ertastet; es werden zwei Hauptaspekte unterschieden: Palpation zur typologischen Bestimmung und die Palpation zur Untersuchung pathologischer Zustände.
3. Die Anamnese: Der Patient wird zu verschiedenen Aspekten seiner Lebensführung, Ernährung, unterschiedlichen Sinnesempfindungen, Befindlichkeiten etc. intensiv befragt.

Der dritte Baum ist der Baum der Behandlung und hat vier, nach der Termatradition fünf Äste, wobei die Behandlung nicht allein die Symptome, sondern auch die Ursachen behandeln soll:
1. Ernährung als die beste Behandlung
2. Lebensstil (Tagesablauf, Schlafenszeiten, Vorlieben, Abneigungen etc.)
3. Medikation: Die tibetische Pharmacopea verwendet Heilpflanzen, Mineralien und in geringem Maße auch tierische Substanzen zu Heilzwecken.
4. Äußere Therapien: Massage, Akupunktur, Moxibustion, Schröpfen; außerdem als zweitrangige Therapieformen: Kräuterbäder, Aderlass, Kompressen, Stocktherapie und „mongolische Moxibustion“.
5. Die Termatradition nennt zudem als fünften Ast die Behandlung mit Heilmantras



Energie

Der Terminus “Energie” bezeichnet eine dynamische Kraft, die als Quelle aller Existenz gilt. Im Körper ist sie das psycho-physische Prinzip der Vital-Kraft. Diese Energie geht aus den fünf Elementen Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde hervor. Die Qualität des Raumes ist die Leerheit und Potentialität, aus der alle Phänomene hervorgehen. Wind hat die Qualität Bewegung, Wachstum und Entwicklung. Feuer steht für die Eigenschaften Schnelligkeit und Hitze, die zur Reifung führt. Wasser hat die Qualität des Fließens und der Kohäsion. Erde schließlich steht für Festigkeit und Stabilität .

Gemäß der tibetischen Humorallehre gehen aus diesen fünf Elementen drei “Säfte” oder inneren Energien hervor:
1. Wind (tib. Lung): Entsteht aus den Elementen Raum und Wind; ist Bewegung und Aktivität; reguliert das Denken und Sprechen; steuert das Nervensystem, die Atmung und die Ausscheidung.
2. Galle (tib. Tripa): Entsteht aus Feuer; ist heiß und reguliert die Körperwärme; weitere körperliche Funktionen: Verdauung und Aufnahme von Nährstoffen, katabolische Funktionen, Hunger und Durst, Mut, Motivation und Vision.
3. Schleim (tib. Pekan): entsteht aus Erde und Wasser; ist von kalter Natur; Körperliche Funktionen: Kohäsion, Flüssigkeit, Struktureller Zusammenhang des Körpers, Körperflüssigkeiten, anabolische Funktionen, Schlaf, Geduld und Toleranz.

Wind gilt als neutral und hat die Eigenschaft, sich verstärkend auf die beiden anderen „Säfte“ auszuwirken. Galle ist heiß und Schleim ist kalt, d.h. sie wirken entgegengesetzt.

Der Körper ist gemäß der TTM und der tantrischen Lehren außerdem von einem System von 72000 feinstofflichen Kanälen (tsa) durchzogen, in dem sich die Winde oder Kräfte (lung) und Essenzen (thigle) befinden. Entlang der Körperachse vereinen sie sich zu drei großen Energiekanälen, die in der tantrischen Meditation erfahren werden können. Der rechte und der linke Energiekanal, in denen die durch Mutter und Vater vererbten weiblichen und männlichen Energien fließen, umwinden den zentralen Kanal, der für spirituelle Praktiken von überragender Bedeutung ist. Die Schnittpunkte dieser Energiekanäle werden als Chakras (khorlo) bezeichnet. Der Bestand des Körpers beruht auf den Kanälen, deren Funktion ihrerseits von den verschiedenen feinstofflichen Winden abhängt . Die Bewegung der inneren Energien ist mit dem Energiefluss und den Rhythmen der Außenwelt durch den Atem verbunden .

Das berühmte Tantra vom Rad der Zeit, Kalachakra , nennt in seiner Beschreibung der inneren Physiologie zwölf feinstoffliche Kanäle am Nabelchakra. Die Vitalenergien oder Atemzüge durchfließen die Kanäle als sechs Einatmungen und sechs Ausatmungen je abwechselnd zur linken und zur rechten Seite des Zentralkanals. In vierundzwanzig Stunden erfolgt zwölf mal ein Wechsel im Fluss dieser Energien, dem Kalachakra-Tantra zufolge alle 1800 Atemzüge (im vierundzwanzigstündigen Zyklus sind es insgesamt 21600 Atemzüge). Während jeder der zwölf Umkehrungen des Energieflusses durchlaufen 56,25 Atemzüge den Zentralkanal, im Zyklus von vierundzwanzig Stunden sind das 675 Atemzüge.

Dauer und Qualität eines Lebens sind abhängig von der Anzahl und der Qualität der Atemzüge. So kommt dem Atem in der tantrischen Praxis, wie auch in der Medizin ein wichtiger Stellenwert bei. Mit der „grobstofflichen Luft“, die wir atmen, sind die feinstofflichen Winde verbunden. Die spirituellen Yoga-Praktiken bestehen darin, die „karmischen Winde“ der geistigen Verblendung, die sich durch die Nebenkanäle bewegen, unter Kontrolle zu bringen. Durch Atemkontrolle und Atemanhaltungen werden diese Winde in den Zentralkanal überführt, dort gereinigt und in die so genannte Weisheits-Energie des gnostischen Gewahrseins umgewandelt . Durch Mantrarezitation, yogische Übungen und die Manipulation des Atems sollen die inneren und äußeren Energien transformiert und gelenkt werden, um psychophysische Disharmonien auszugleichen, d.h. Krankheiten aller Art zu heilen, oder spirituelle Verwirklichungen zu erlangen. Alle negativen Emotionen, Krankheiten und „Dämonen“ haben ihren Ursprung im verblendeten Bewusstsein; daher erfolgt ihre Befriedung auch über die Zähmung des Geistes. In den feinstofflichen Winden ist auch die Lebenskraft enthalten. Eine Stabilisierung dieser Lebenswinde hat eine Stabilisierung des Geistes zur Folge – ein Prinzip, das allen yogischen Praktiken zugrunde liegt.

Die inneren Winde und Energieflüsse werden zusammengefasst in den fünf individuellen Kräften, die mit den Elementen und den drei „Säften“ verbunden sind. Diese fünf Kräfte sind in der tantrischen Astrologie von Bedeutung. Zwei von ihnen spielen zudem in der Medizin eine Rolle:

- La, die Geisteskraft
- Sog, die Vitalkraft
- Lü, die physische Kraft
- Wan Thang, die Willenskraft
- Lungta, das Windpferd, das mit Glück und Erfolg in Verbindung gebracht wird .

Anhand von Berechnungen im Jahreshoroskop werden in der Astrologie Aussagen über die Beschaffenheit dieser Energien gemacht, indem die Kräfte des laufenden Jahres mit denen des Geburtshoroskopes verglichen werden. Zeigt sich dabei, dass die Lebenskräfte geschwächt sind, dann kann auf spezielle Rituale zurückgegriffen werden, mit deren Hilfe die Lebensspanne verlängert werden soll .

Sog, die Vitalenergie, bestimmt die Lebensdauer. Sie ist der „unzerstörbare Tropfen“ und der „lebenserhaltende Wind“ mit Sitz im Herzzentrum des feinstofflichen Körpers. Ist das Karma einer Existenz aufgebraucht, dann bleibt die Vitalenergie nach dem Tod im feinstofflichen Bardowesen, d.h. im Wesen des nachtodlichen Zwischenzustandes erhalten.

Das La, in der Tradition des Bön als Schattenseele bezeichnet, ist eine Psychoenergie, die mit der Geisteskraft und der psychischen Befindlichkeit zu tun hat. Ist die Lebenskraft geschwächt, dann kann es den Körper verlassen. Es kann sich verflüchtigen, umherirren oder von Dämonen geraubt werden, die es dann aufzehren. In solchen Fällen fühlt sich die Person leer, müde, erschöpft und wie hypnotisiert. Auch kann das La Ziel der Angriffe von Schwarzmagiern sein. Die Person stirbt dann innerhalb von sechs Monaten. Ist das La beschädigt, verloren gegangen oder geraubt worden, dann kann es mittels verschiedener Rituale zurückgeholt werden .


Schluss

Die traditionelle tibetische Medizin ist ein natürliches, holistisches Heilsystem, das auf einer umfassenden Philosophie und Kosmologie basiert, den ganzen Menschen in seine Betrachtungen einbezieht und sich der körperlichen, geistigen und spirituellen Bedürfnisse des Individuums annimmt. Heutzutage erlernen tibetische Ärzte neben der traditionellen tibetischen Medizin auch die westliche Medizin und verstehen es, letztere in die traditionelle Medizin zu integrieren. Auch im Westen gibt es ein wachsendes Interesse an der TTM als Ergänzung zur Schulmedizin. Die Ausbildungskurse der noch jungen Internationalen Akademie für Traditionelle Tibetische Medizin (IATTM) erfahren einen regen Zulauf von Menschen, die in Heilberufen tätig sind, darunter auch viele Ärzte, während gleichzeitig auch auf Seite vieler Patienten ein großes Interesse besteht, „tibetisch“ behandelt zu werden. Hierbei mag sicherlich auch das Klischee eine Rolle spielen, das Tibet als ein Land der heiligen Wundertäter verklärt. Andererseits mag es der westlichen Medizin möglicher Weise auch zum Vorteil gereichen, einen Hauch der tiefen Menschlichkeit und des Geheimnisvollen jenes alten Medizinsystems zu integrieren, das so erfolgreich durch die Jahrtausende bis in unsere Gegenart bestehen konnte.


Quellen:
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Clifford, Terry
1996 Die spirituellen Geheimnisse tibetischer Heilkunst. Frankfurt a.M.

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1999 Das tibetische Heilbuch. Aitrang

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1995 The Ambrosia Heart Tantra. Dharamsala

Lopön Tenzin Namdak / Karin Gungal
1998 Der heilende Garuda. Dietikon

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1995 Drung, Deu and Bön. Dharamsala
1998 Dzogchen, der Weg des Lichts. München
2004 Geschichte und Kultur Tibets. Elmshorn

Ohanecian, Oliver
2007 Von der Wirkungsmacht des erwachten Geistes – „magische“ Elemente des Vajrayana-Buddhismus. In: Lademann-Priemer, Gabriele et.al.: Alles fauler Zauber? Beiträge zur heutigen Attraktivität von Magie. Münster

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Schuhmann, Hans Wolfgang
1993 Buddhistische Bilderwelt. München

Tenzin Wangyal Rinpoche
2002 Die heilende Kraft des Buddhismus. München

Tuan, Laura
1996 Das tibetische Geheimnis von Jugend und Vitalität. München

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1994 Die verborgenen Schätze Tibets. Zürich-München

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http://www.men-tsee-khang.org/index.htm
http://www.trogawa.blogspot.com/

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