Mittwoch, 3. September 2014

Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas

Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas

© Oliver Ohanecian

Worte formen unsere Welt. Sie beschreiben uns, was die Wirklichkeit sei und lenken unsere Wahrnehmung. Wir formen Worte zu Sätzen und Sätze zu Erzählungen. Unsere Wahrnehmung wird bestimmt von unserem Glauben an Erzählungen darüber, was die Wirklichkeit sei. So ist ein jeder von uns Teil der Geschichte, die wir uns gegenseitig von der Menschheit erzählen. Unsere Erzählung hat zu weiten Teilen einen ungemein anthropozentrischen Zug angenommen. Doch hinter den Fassaden der gängigen Wirklichkeitsbeschreibungen gibt es andere, nichtmenschliche Welten, die sich unserem selbstherrlichen Blick auf das Dasein entziehen. Wir kommen in unserem Sein und Handeln mit ihnen in Berührung und sie reagieren auf uns, doch sind wir uns dessen meist nicht bewusst.

Von klein auf werden wir von der überaus schlechten Angewohnheit geprägt, uns als Herrscher einer Welt zu erleben, in die wir mit unserer Geburt hineingeworfen wurden und von der wir auf seltsame Weise getrennt zu sein scheinen. Hier stehen wir vor einem großen Haufen Materie, den wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse nutzen. Die Welt erscheint als eine Ansammlung von Ressourcen zu unserem persönlichen Gebrauch: Öl, Kohle und all die anderen Rohstoffe, mit denen wir unsere virtuelle Realität – wir nennen sie Zivilisation – füttern, sie am Leben erhalten und weiter wachsen lassen. Eine durch und durch künstliche Welt, die die seiende Welt aufzufressen droht, angetrieben von der Annahme, im Besitz jener angeborenen Herrschernatur zu sein, die uns innerhalb einer von uns selbst aufgestellten Hierarchie über den Planeten und die anderen Wesen stellt. Innerhalb der menschlichen Gesellschaften auch über die Mitmenschen, in scheinbarer Widerspiegelung der vermeintlich natürlichen Ordnung. Die virtuellen Wirklichkeiten sind beherrscht von der Gier nach virtuellen Werten, deren Anhäufung Macht innerhalb der künstlichen Hierarchien verspricht. Diese auf Gier und Selbstsucht gegründete Macht ist zu weiten Teilen die Befähigung zu sinnlosem Handeln und die Fähigkeit, andere Menschen und neue Generationen in einen Strudel aus Sinnlosigkeit zu zwingen. Es ist ein Handeln, das dem Machterhalt dient oder, schlimmstenfalls, dem einzigen Grundsatz eines selbstsüchtigen und zynischen Nihilismus folgt, Dinge nur deshalb zu tun, weil man sie eben tun kann.

Leider ist dieses Kapitel, das wir uns von unserem Menschsein erzählen, ungeheuer laut, schrill und aufdringlich, so dass es vielen Menschen allein deshalb sehr überzeugend erscheint. Und so werden solche Erzählungen, die eine ganz andere Geschichte erzählen, von Stargeglitzer, Stylingfragen, Börsennews und Kriegsgerassel nur allzu oft übertönt. Aber es gibt sie.



Der Mensch im Gewebe abhängigen Entstehens

Neben unendlich vielen hässlichen Zügen hat die Globalisierung heute ein Gutes: Die letzten Vertreter jener alten Weltanschauungen, die den Menschen nicht zum Weltenherrscher erheben, sondern als Teil eines lebendigen Ganzen betrachten, stehen heute in regem Kontakt und Austausch miteinander. Zu diesen Weltanschauungen gehört auch der Buddhismus und insbesondere der vor allem in Tibet praktizierte Vajrayana, der gute Beziehungen zu verschiedenen indigenen Völkern Amerikas und Australiens unterhält.

Die Sichtweise des Vajrayana-Buddhismus zeigt die Welt als einen Tanz der Elementarenergien, in dem die verschiedenen Erscheinungen der Welt in gegenseitiger Abhängigkeit entstehen und vergehen. In dieser Sichtweise spielt der Sanskritterminus Shunyata eine herausragende Rolle. Er setzt sich zusammen aus dem Wort shunya, was "leer", "offen", "inhaltlos" und "nichts" bedeutet, mit dem Suffix -ta, was als "-heit" oder "-keit" übersetzt wird. Shunyata ist die Leerheit, die Offenheit, die Nicht-Dingheit der Phänomene. Dies meint nicht, wie es im Westen oft falsch interpretiert wurde und wird, dass hier von einem Vakuum oder einem Nichts die Rede ist. Vielmehr muss eine passende Gegenfrage lauten: Leerheit von was? Es ist die Leerheit von Begriffen, geistigen Konstruktionen und Projektionen. Leerheit ist das, was ist, nur frei von Begriffen, Kategorien, Wertungen etc. Der Mensch gehört zu den empfindenden Wesen und ist als solches ebenfalls leer, d.h. offen und dynamisch, ein Ornament im Gewebe der Welt und untrennbar mit ihr verbunden; zusammengesetzt, gleichsam im Raum kondensiert aus ihren lebendigen Elementen und in unentwegter Bewegung, bis sich die Verbindung der Elemente wieder auflöst.

Dieser große Tanz der Elemente ist geistiger Natur, er spielt sich innerhalb des allumfassenden Geistes, der Buddhanatur, ab, und als verblendete Wesen, die infiziert sind von der Wahnvorstellung, unabhängig als ein geschlossenes Selbst zu existieren, sind wir blind dafür. Erwachen wir aber und sind in Harmonie mit dem Tanz der Elemente, so tritt uns aus den Wesen und Erscheinungen das Strahlen der verborgenen Buddhanatur entgegen, die sie alle gleichermaßen verbindet. Die Welt ist dann nicht länger irgendein Ort, der ausgebeutet werden kann, sondern die unentwegte Manifestation des Heiligen. Indem wir auf die Erscheinungen der Welt schauen, sind wir Geist, der sich selbst betrachtet.

Dieses große, geheimnisvolle Gewebe ist nach buddhistischer Auffassung noch von weiteren empfindenden Wesen bevölkert – viele davon für uns unsichtbar - , die zum Teil sehr machtvoll auf die Menschenwelt einwirken können. Zu diesen machtvollen Wesen gehört auch die Klasse der Nagas. „Naga“ ist ein Sankritbegriff mit der Bedeutung „Schlange“. In diesem Zusammenhang ist es jedoch ein Oberbegriff, der drei Arten von Wesen zusammenfasst, auf Tibetisch Sadag, Lu und Nyen. „Sadag“ bedeutet Herrscher der Erde oder Erdherrscher (sa = Erde; dag = Herrscher), d.h. Wesen, die den Erdboden bewohnen. „Lu“ herrschen über die Gewässer und „Nyen“ bewegen sich über der Erde in den Lüften und bewohnen die Atmosphäre, Wiesen und Wälder.

Für uns Menschen sind die Nagas von besonderer Bedeutung, weil wir ständig mit ihnen interagieren, ohne uns dessen bewusst zu sein. Die meisten von ihnen sind, genau wie wir Menschen, keine erleuchteten Wesen und daher verletzlich, bisweilen auch feindselig. Indem wir unachtsam und selbstsüchtig handeln, verletzen wir ihre Daseinssphäre, schwächen sie und machen sie krank. Im Gegenzug senden sie uns Krankheiten, Naturkatastrophen u.ä. Aus diesem Grund gilt es im Vajrayana als wichtig, eine gute Beziehung zu den Nagas aufzubauen. Dies kann im Rahmen verschiedener Rituale geschehen, die alle verschiedenen Klassen machtvoller Wesen anrufen, es kann sich aber auch direkt an die Nagas richten. Dabei sind viele Regeln zu beachten, etwa der richtige Zeitpunkt oder welcher Art das Räucherwerk und die Opfergaben sind. Die wichtigste Regel aber betrifft die Kommunikation: Als Menschen können wir nicht mit den Nagas und ihren Königen kommunizieren, wir müssen uns in eine überweltliche Buddhagottheit transformieren, damit diese Kommunikation gelingen kann. Als Menschen unterscheiden wir uns von den Nagas und sind von ihnen getrennt, die Buddhagottheit hingegen ist das Verbindende und Gemeinsame. Sie ist eine Erscheinungsform der Buddhanatur, die gleichermaßen allem innewohnt. Kommunikation beginnt also dort, wo wir den Geisteszustand der ego- und anthropozentrischen Trennung hinter uns lassen und uns mit dem Absoluten verbinden.

Haben wir die Initiation in eine solche Gottheit erhalten und in der Praxis erste Verwirklichungen erlangt, so können wir in die Kommunikation mit den Nagas eintreten. Es können sodann unterschiedliche äußere, innere und geheime Zeichen auftreten, die die Anwesenheit der Nagas kennzeichnen. U.a. hat Machik Labdrön, eine der größten Meisterinnen des Vajrayana, einige der visionären Zeichen beschrieben, die beim Erscheinen der Nagas auftreten können.

Äußere Zeichen

Träume von Spinnen, Skorpionen, Ameisen, Käfern, Fischen, Fröschen, Schlangen oder Kaulquappen, die den Anschein erwecken, als würden sie in dem Augenblick wirklich erscheinen. Auch erscheinen viele Dzo1 und Rinder, die sich in Herden versammeln. Sie sehen einen an, als erwarteten sie etwas oder als würden sie einen hüten oder gehütet werden. Es erscheinen auch Bettler, die schmutzig, blind und leprös sind, und betteln einen an. Man findet sich in einer sehr schmutzigen Umgebung oder Leute errichten ein Lager, ziehen eine Straße entlang oder errichten viele Lager, bilden Eskorten, laden kostbare Waren auf oder ab. Sie alle sind streitsüchtig und man debattiert mit ihnen oder man befindet sich unter ihnen oder man hilft dabei, sich um sie zu kümmern. Es können auch einfach leere Nomadenzelte erscheinen oder solche die aus Nebel geformt sind.

Innere Zeichen

Visionen von schwarzen Spinnen und Skorpionen oder Ameisen, Käfern, Ottern oder fischartigen Hündinnen, die wie Regen herabfallen, den Boden bedecken und am eigenen Körper haften. Sie sind groß wie Welpen, die gerade ihre Augen geöffnet haben, und extrem nass und kalt. Sie nur zu sehen ist höchst unerfreulich und furchteinflößend. Auch erscheinen Frösche, Skorpione, Fische, Kaulquappen, Eidechsen von der Größe junger Bullen u.ä. mit weit geöffneten Mäulern, als seien sie bereit, zu fressen. Sie erscheinen einzeln oder paarweise, die Körper in Nebel gehüllt, in dem sich leichte Wassertröpfchen formen.Auch erscheinen sie als riesige Schlangen in vielerlei Farben, von denen einige giftigen Dampf absondern. Manche haben feurige Mähnen und verströmen viele verschiedene Krankheiten. Sie können aber auch erscheinen wie Kinder von etwa acht Jahren, die unterhalb der Brust einen Schlangenkörper haben, in Nebel gehüllt sind und einen giftigen Dampf absondern.

Geheime Zeichen

Große Seen, von denen Dampf aufsteigt, umstanden von vielerlei Bäumen. Viele kleine Tümpel in verschiedenen Farben, die Plätschern, wenn sie sich berühren. Große Flüsse, die sich umströmen und dabei wogen und plätschern wie Seen. Gewaltige Seen, soweit das Auge reicht, von denen Licht strahlt und regenbogenfarbige Dämpfe aufsteigen.

Derartige Bilder und Szenerien in Träumen und Visionen sind Indikatoren dafür, dass ein Kontakt zustande gekommen ist. Mit Hilfe der erforderlichen Riten, Mudras und Mantras können die Verbindung und die Kommunikation nun vertieft werden. Nagas gelten als Hüter vieler geistiger und materieller Schätze und Lehren. Eine gute Verbindung zu ihnen bewahrt vor Naga-Krankheiten und bewirkt ihre Unterstützung in der spirituellen Praxis, wie auch in der Bewältigung der ganz alltäglichen Probleme.

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